Ein Kommentar zur plötzlichen Beliebtheit einer ansonsten kaum sichtbaren Autoren-Gattung
Seit ich mich in den sozialen Netzwerken als Autor zu erkennen gegeben habe, ereignet sich etwas Wunderbares: Die Weltliteratur sucht meine Nähe. Neulich schrieb mir Damon Galgut. Also vermutlich nicht Damon Galgut selbst. But what the heck: seien wir nicht kleinlich. Der vermeintliche Booker-Preisträger wollte von mir wissen, wie es mir gelinge, in meinem Schreiben ein derart beeindruckendes Prinzip des restraint zu verwirklichen. Ich war zunächst – für einige Minuten – gerührt. Dann – die folgenden Stunden – etwas verwundert. Denn ich bin vor allem Lyriker, d.h. meine Texte bestehen gelegentlich aus drei Zeilen, zwei Leerstellen und einem Bindestrich. Noch mehr restraint wäre vermutlich nur durch vollständige Einstellung meiner schriftstellerischen Tätigkeit zu erreichen. Aber gut: Die internationale Literaturwelt beobachtet offenbar genau.
Nun schrieb mir gestern Kathryn Stockett, Autorin des Weltbestsellers The Help (in Deutschland unter dem leicht verniedlichenden Titel Gute Geister erschienen). Auch sie – beziehungsweise ein Mensch, der möglicherweise nicht einmal weiß, auf welcher Seite des Buches der Titel steht – möchte sich gern mit mir über das Schreiben, den Weg des Veröffentlichens und kreative Ideen austauschen. „Ganz ohne Hintergedanken oder Erwartungen.“ Dieser Satz beruhigt mich immer sehr. Besonders im Internet.
Ich warte nun eigentlich nur noch auf Margaret Atwood. Vielleicht möchte sie wissen, wie ich das mit den Zeilenumbrüchen mache. Salman Rushdie könnte sich nach meiner Interpunktion erkundigen. Und falls Annie Ernaux heute Abend noch nichts vorhat: Ich bin ab 22 Uhr erreichbar.
Aber nicht nur die Weltliteratur sorgt sich um mein Wohlergehen. Jetzt haben mich auch die Administratoren sozialer Netzwerke ins Herz geschlossen. Regelmäßig erfahre ich, dass gegen meine Seite Beschwerden wegen unerlaubt verwendeter Inhalte vorlägen. Mein Konto müsse deshalb leider innerhalb von 24 Stunden gesperrt werden, sofern ich nicht unverzüglich auf einen Link klicke und dort vermutlich meine Identität, mein Passwort und sicherheitshalber die Geburtsurkunden meiner Eltern hinterlege. Das ist besonders reizvoll, weil ich auf meiner Autorenseite nahezu ausschließlich meine eigenen Inhalte veröffentliche. Offenbar habe ich mich selbst wegen Urheberrechtsverletzung angezeigt. Man wird mit zunehmendem Alter wirklich unberechenbar.
Eine besonders aparte Erscheinungsform digitaler Literaturförderung findet man unter den sogenannten Buchplattformen. Man veröffentlicht etwas über das eigene Buch. Selbstlose Literaturfreunde schreiben wenige Sekunden darauf: Wow! Send me this! Man freut sich. Endlich! Ein Mensch hat das Buch entdeckt. Vielleicht gelesen. Vielleicht wenigstens den Titel. Literatur findet ihren Weg. Autor und Leser begegnen einander. Das alte Wunder beginnt. Aber dann stellt sich heraus: Man soll bezahlen. Nicht etwa dafür, dass jemand das Buch liest. Das wäre ja beinahe Arbeit. Nein. Man bezahlt dafür, dass das Cover für ungefähr die Lebenserwartung einer Eintagsfliege auf einem Instagram-Account erscheint, zwischen achthundertvierunddreißig anderen Büchern, deren Autorinnen und Autoren offenbar ebenfalls das große Glück hatten, entdeckt worden zu sein.
Das Geschäftsmodell besitzt eine gewisse Schönheit: Der Autor liefert das Produkt. Der Autor liefert das Bild. Der Autor liefert den Text. Der Autor liefert das Geld. Und die Plattform liefert: Reichweite. Dieses geheimnisvolle digitale Elementarteilchen, das bislang noch kein Physiker nachweisen konnte, das aber erstaunlicherweise fast immer käuflich zu erwerben ist.
Wie schön, dass Autoren so bedürftig sind. Denn genau darauf beruhen all diese kleinen Betrugs- und Geschäftspraktiken. Auf etwas sehr Menschlichem. Autoren möchten gelesen werden. Sie möchten wahrgenommen werden. Sie freuen sich, wenn jemand ihr Buch entdeckt. Sie hoffen auf Resonanz, auf Gespräch, vielleicht auf Anerkennung. Und wer gerade erst beginnt, öffentlich als Autor aufzutreten, kennt diesen winzigen elektrifizierenden Moment: Jemand hat mich gesehen. Genau dort setzt man an. Der Betrüger sagt: Ein berühmter Autor hat dich gesehen. Die falsche Plattform sagt: Wir haben einen Verstoß bei dir gesehen. Der Geschäftemacher sagt: Wir haben dein Buch gesehen. Und irgendwann sollst du klicken, antworten oder bezahlen. Die Mechanismen unterscheiden sich. Die Währung ist dieselbe: Aufmerksamkeit. Oder genauer: die Sehnsucht danach. Das macht diese Praktiken für mich so widerwärtig. Sie betrügen Menschen nicht nur um Geld oder Zugangsdaten. Sie instrumentalisieren etwas, das zum Schreiben notwendig gehört: den Wunsch, dass eine Sprache, die man lange allein mit sich herumgetragen hat, irgendwann einen anderen Menschen erreicht. Ausgerechnet daraus ein Geschäftsmodell für Täuschung zu machen, besitzt eine bemerkenswerte Schäbigkeit.
Eine kleine Bitte an die Weltliteratur
Sollte Kathryn Stockett tatsächlich mit mir über Literatur sprechen wollen: Sehr gern. Damon Galgut: ebenfalls. Margaret Atwood: sowieso. Sie müssten allerdings mit einer kleinen Sicherheitsfrage rechnen. Nicht das Geburtsdatum. Nicht der Mädchenname der Mutter. Einfach: Welches meiner Gedichte von mir haben Sie zuletzt gelesen? Die Antwort darf gern kurz ausfallen. Wir Lyrikerinnen und Lyriker verstehen etwas von restraint. Und an all die Accounts, die mein Buch unbedingt ihren begeisterten zehntausenden Followern vorstellen möchten, sobald ich ihnen 49, 79 oder 129 Dollar überwiesen habe: Vielen Dank. Aber ich glaube weiterhin an eine vollkommen veraltete Form des Literaturmarketings. Sie heißt: Lesen. Das dauert leider etwas länger als ein Instagram-Post. Dafür muss man anschließend möglicherweise sogar etwas zu einem Buch sagen können. Und wenn dies bedeutet: die Zahl meiner Leserinnen und Leser bleibt übersichtlich – so be it.
Ich weiß: Ein geradezu ruinöses Geschäftsmodell. Aber das Wichtigste ist doch, wie meine hochgeschätzte Lyrik-Freundin Diana Jahr kürzlich an mich schrieb: Passen wir Lyrikerinnen und Lyriker gut aufeinander auf.
😉
Euer Doktor Plas[m]a
Institut für angewandte Unverfügbarkeit
Abteilung für internationale Weltliteraturkontakte, Phishing und andere Formen spontaner Wertschätzung

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