Gedichte – Fundstücke

Ingeborg Bachmann

Böhmen liegt am Meer
oder
Die Topographie der Hoffnung

Kaum eine Stimme hat die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts nachhaltiger geprägt als Ingeborg Bachmann. Ihre Gedichte verbinden philosophische Präzision mit existenzieller Dringlichkeit, politische Wachheit mit einer Sprache, die sich jeder einfachen Eindeutigkeit entzieht. Nach den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts fragt Bachmann nicht nur, was Sprache noch vermag, sondern ob und wie sie überhaupt noch einen Ort der Wahrheit eröffnen kann. Ihre Gedichte leben von dieser Spannung zwischen Verletzbarkeit und Hoffnung, Geschichte und Utopie. Sie gehören zu jenen seltenen Texten, die nicht altern, weil sie weniger Antworten geben als Möglichkeiten des Denkens eröffnen.

Zu diesen Gedichten zählt Böhmen liegt am Meer – ein Text, der seit seinem Erscheinen zu den großen poetischen Utopien der deutschsprachigen Literatur gehört.

Einige Gedanken zu diesem Gedicht

Es gibt Gedichte, die erzählen eine Geschichte. Andere beschreiben eine Landschaft. Ingeborg Bachmanns Böhmen liegt am Meer tut weder das eine noch das andere. Es entwirft einen Ort, den es geographisch nicht gibt – und der gerade deshalb zu einem der wirklichsten Orte der modernen Lyrik wird.

Böhmen liegt bekanntlich nicht am Meer. Gerade in dieser Unmöglichkeit, aufgefunden in William Shakespeares The Winter’s Tale, nimmt das Gedicht seinen Ausgang. Es verweigert sich den Karten und vertraut stattdessen der Sprache. Dichtung nicht als Beschreibung der Welt, sondern als eine vorsichtige Neuschöpfung derselben.

Wenn Bachmann schreibt Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder. / Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land., entsteht eine Bewegung, die weit über das Bild hinausweist. Meer und Land sind keine Gegensätze mehr, sondern Voraussetzungen füreinander. Hoffnung entsteht nicht aus Gewissheit, sondern aus der Bereitschaft, das Unmögliche dennoch zu denken, ganz gleich wie schrecklich sich die Welt zeigt.

Mich berührt besonders die wiederkehrende Grenzmetaphorik des Gedichts. Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen. Sprache erscheint nicht als Besitz, sondern als Begegnung. Ein Wort berührt das Ich; das Ich öffnet sich dem Wort. Identität entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch Berührbarkeit.

Hierin liegt die philosophische und poetische Modernität des Gedichts – und zugleich seine Zeitlosigkeit. Es sucht keine endgültige Heimat. Heimat wird zu einer Bewegung, nicht zu einem Besitz.

Am radikalsten erscheint mir jedoch die Zeile Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehen. Das Wort zugrunde verliert bei Bachmann jede bloß negative Bedeutung. Wenige Zeilen später heißt es Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder. Untergang wird zur Rückkehr an einen Ursprung, den es historisch nie gegeben hat und den die Dichtung dennoch erschafft. Es ist ein erstaunlicher Gedanke: Nicht das Festhalten rettet, sondern das Loslassen.

Am Ende bezeichnet sich das lyrische Ich als ein Böhme, ein Vagant, […] begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen. Dieses Bild ist eines der schönsten Selbstverständnisse dichterischer Existenz überhaupt. Die Dichter besitzen kein Land. Sie wählen es immer wieder neu und sehen es gerade dort, wo andere nur offene See erkennen.

Vielleicht ist Böhmen liegt am Meer deshalb kein Gedicht über einen erfundenen Ort, sondern ein Name für jene Möglichkeit, die Dichtung offenhält: dass die Welt größer sein könnte als das, was wir bereits über sie zu wissen glauben.

Hundert Jahre nach Ingeborg Bachmanns Geburt hat dieses Gedicht nichts von seiner Kraft verloren. Es erinnert daran, dass Literatur nicht zuerst Wirklichkeit abbildet. Sie schafft Räume, in denen Hoffnung denkbar bleibt – selbst dort, wo jede Karte ihr Ende erreicht.

Leseempfehlung

Ingeborg Bachmann: Sämtliche Gedichte. München: Piper Verlag 2005.