Ich verstehe das nicht. | Über Gedichte, Bedeutungen und andere Zumutungen

Manchmal sagen mir Leserinnen und Leser meiner Gedichte: Ich verstehe das nicht. Ich antworte dann meistens: Versuche nicht zuerst, es zu verstehen. Versuche, etwas zu empfinden.

Das ist natürlich eine etwas unbefriedigende Antwort. Besonders für Menschen, die in ihrem Leben gelernt haben, dass Texte dazu da sind, verstanden zu werden. Man liest eine Gebrauchsanweisung, um anschließend zu wissen, wie der Toaster funktioniert. Man liest eine Nachricht, um zu erfahren, was geschehen ist. Man liest einen Bescheid und versteht im günstigsten Fall, was eine Behörde von einem möchte.

Beim Gedicht gestaltet sich die Sache schwieriger. Es weigert sich gelegentlich, ein Toaster zu sein. Und noch häufiger eine Behörde. Was bedeutet das? Kaum eine Frage verfolgt Gedichte hartnäckiger als diese.

Was bedeutet das? Wir haben die Frage in der Schule gelernt. Ein Gedicht lag vor uns, daneben befand sich ein Lehrer, und irgendwo zwischen beiden musste sich die Bedeutung versteckt haben. Unsere Aufgabe bestand darin, sie zu finden. Das Gedicht wurde damit zu einer Art sprachlichem Osterei. Der Dichter hatte etwas „hineingelegt“. Wir mussten es „herausholen“. Wer es fand, bekam fünfzehn Punkte. Wer etwas anderes fand, hatte möglicherweise nicht gründlich genug nach dem „lyrischen Ich“ gesucht.

Ich weiß: Das ist polemisch. Aber nur ein wenig. Denn natürlich besitzen Gedichte Bedeutung. Wörter bedeuten etwas. Bilder tragen kulturelle Erinnerungen in sich. Metaphern, Rhythmen, syntaktische Bewegungen, Zitate und Anspielungen eröffnen Zusammenhänge. Kein Gedicht entsteht in einem sprachlichen Vakuum. Nur folgt daraus noch lange nicht, dass ein Gedicht eine Bedeutung besitzt, die irgendwo hinter seinen Wörtern darauf wartet, korrekt ermittelt zu werden. Das wäre auch eine erstaunlich umständliche Kommunikationsform. Wenn ich mitteilen möchte, dass ich traurig bin, könnte ich einfach schreiben: Ich bin traurig. Dafür benötigte ich weder Zeilenbruch noch Metapher noch drei Monate Überarbeitung.

Ein Gedicht „erzählt“ anders. Ich erzähle in meinen Gedichten (meistens) keine Geschichten, die sich linear entfalten. Etwas geschieht nicht notwendig zuerst, etwas anderes danach usw., so dass wir am Ende wissen, weshalb Tante Erna den Zug nach Bielefeld verpasst hat.

Lyrik arbeitet anders. Sie verdichtet. Gedanke, Bild, Erinnerung, Klang, Rhythmus, Wahrnehmung und Gefühl können in wenigen Zeilen gleichzeitig anwesend sein. Sie müssen einander dabei nicht erklären. Sie können sich widersprechen. Überlagern. Unterbrechen. Etwas kann erscheinen und wieder verschwinden, bevor wir ihm einen ordentlichen Begriff zugewiesen haben.

Ich würde dafür den Ausdruck Gedanken-Bild-Komplexe verwenden. Ein Gedicht stellt sie nicht einfach vor uns hin. Es setzt sie in Bewegung. Und die eigentliche Bewegung beginnt beim Lesen. Denn der Leser bringt etwas mit, das der Autor schlechterdings nicht kontrollieren kann: sich selbst. Seine Erinnerung. Seine Landschaft. Seinen Verlust. Seine Kindheit. Seinen Körper. Seine Angst. Seine Liebe. Seine ganz eigene Erfahrung mit dem Wort Fenster. Und schon ist das Gedicht nicht mehr dasselbe. Für den Autor mitunter eine bedauerliche Entwicklung. Für die Literatur ihre Existenzgrundlage.

Das bedeutet nun keineswegs, dass jedes beliebige Sprachmaterial automatisch zum Gedicht wird, sobald man nach jedem dritten Wort die Entertaste betätigt. Ein Gedicht darf lesbar bleiben. Aber Lesbarkeit ist nicht dasselbe wie Eindeutigkeit. Mich interessiert vielmehr etwas, das man eine „anschlussfähige Fremdheit“ nennen könnte. Ein Gedicht darf fremd sein. Es darf sich einer unmittelbaren Auflösung widersetzen. Es darf Bilder nebeneinanderstellen, deren Verbindung zunächst nicht feststeht. Es darf syntaktisch stolpern, Bedeutungen verschieben, Wörter aus ihren gewohnten Zusammenhängen lösen. Aber irgendwo muss etwas sein, woran Wahrnehmung andocken kann. Ein Bild oder ein Klang oder eine Geste. Erfahrungen, die nicht meine sind, sondern die des Lesers, so dass ein Wort plötzlich größer wird als sein Wörterbucheintrag.

Dafür gibt es ein Repertoire lyrischer Bilder und Formen, das sich über Jahrhunderte gebildet hat: Nacht, Wasser, Mond, Haut, Landschaft, Haus, Vogel, Atem, Licht, Wunde, Schwelle, Meer, Schlaf, Stimme, Baum usw. Aber auch Einkaufswagen, Parkhaus, CT-Befund und Mehrzweckhalle können Gedichte betreten. Die Lyrik führt keine Inventarliste. Entscheidend ist, was mit den Dingen in der Sprache geschieht.

Und was wollte der Dichter uns damit sagen? Hier erreichen wir eine der langlebigsten Fragen der Literaturgeschichte. Was wollte der Dichter uns damit sagen? Ich weiß es nicht. Und ich bin gelegentlich der Dichter. Das ist kein Kokettieren. Beim Schreiben weiß ich selbstverständlich etwas. Ich kenne Ausgangspunkte, Erfahrungen, Erinnerungen, Lektüren, innere Bilder. Ich treffe Entscheidungen. Ich verwerfe Wörter. Ich verschiebe Zeilen. Ich höre, wann ein Rhythmus nicht stimmt. Aber während des Schreibens entsteht etwas, das meine ursprüngliche Absicht überschreiten kann. Sprache besitzt Beziehungen, Erinnerungen und Nebenbedeutungen, die ich nicht vollständig beherrsche. Zum Glück. Sonst könnte ich vor dem Schreiben eine Inhaltsangabe anfertigen und mir den Rest sparen. Das Gedicht weiß nicht mehr als ich. Aber es kann mehr enthalten, als ich wusste. Das ist ein Unterschied.

Deshalb misstraue ich Leseanleitungen für Gedichte. Natürlich kann Kontext bereichern. Ich möchte wissen, wann ein Gedicht entstanden ist. Mich interessieren andere Texte eines Autors, historische Umstände, intertextuelle Bezüge, poetologische Vorstellungen. All das kann Türen öffnen. Nur sollte man aufpassen, dass hinter der Tür nicht plötzlich eine Einbahnstraße betreten wird. Hier betreten. Dort Symbol erkennen. Bitte links biographischen Bezug beachten. Am Ende Bedeutung entnehmen. Ausgang über den Souvenirshop. Ein Gedicht ist keine Rätselaufgabe, bei der der Autor die Musterlösung besitzt.

Nun möchte ich das Verstehen keineswegs aus der Lyrik vertreiben. Ich bin Literaturwissenschaftler. Das wäre beruflich unklug. Natürlich können wir Gedichte analysieren. Wir können ihre Bilder untersuchen, ihre Formen, Rhythmen, historischen Bezüge, semantischen Felder. Wir können sehr genau lesen. Wir sollten es sogar. Nur wäre es ein Missverständnis, diese Arbeit mit dem Gedicht selbst zu verwechseln. Eine Analyse kann mir zeigen, wie etwas gemacht ist. Sie kann Beziehungen sichtbar machen und mein Lesen verändern. Aber sie kann die Erfahrung des Gedichts nicht ersetzen. Man kann eine Partitur analysieren und trotzdem Musik hören. Niemand käme nach dem Adagio einer Mahler-Sinfonie auf die Idee zu fragen: Ja, aber was bedeutet es jetzt genau?

Deshalb würde ich inzwischen noch weiter gehen: In der Lyrik geht es mir letztlich weder zuerst um Verstehen noch um Bedeuten. Es geht um Geschehen. Etwas geschieht zwischen Sprache und Leser. Ein Bild trifft auf eine Erinnerung. Ein Rhythmus verändert den Atem. Ein Wort irritiert eine Gewissheit. Ein Satz öffnet etwas, für das vorher keine Sprache vorhanden war. Man liest fünf Zeilen und denkt plötzlich an einen Menschen, an den man seit zwanzig Jahren nicht gedacht hat.

Was hat das Gedicht bedeutet? Die Frage wird in diesem Augenblick erstaunlich klein. Denn etwas ist geschehen. Ich nenne es: Resonanz. Sie verlangt keine Übereinstimmung. Sie sagt: Etwas gerät durch etwas anderes in Schwingung. Nicht identisch oder vorhersehbar oder gar vollständig steuerbar. Ein Gedicht spricht – und etwas im Leser antwortet. Diese Antwort kann ein Gedanke sein, ein Gefühl, ein Widerstand, eine Unruhe. Manchmal auch einfach gar nichts. Auch das darf sein.

Nicht jedes Gedicht muss jeden Menschen erreichen. Literatur ist keine flächendeckende Grundversorgung. Und manche Gedichte kehren erst viele Jahre später zurück. Vielleicht gerade deshalb, weil wir mit der eigentümlichen Form und dem Klang dieses Gedichtes, mit seinem gedanklich-bildlichen Sprachkomplex etwas Bedeutendes in unserer Existenz verstanden haben – über Verluste, Liebe, Zeit, über einen anderen Menschen, über uns selbst. Das scheint mir näher an dem zu liegen, was Lyrik vermag.

Wenn mir also künftig jemand sagt: Ich verstehe dein Gedicht nicht, möchte ich genauer antworten. Nicht: Du musst es anders lesen. Nicht: Ich erkläre es dir. Und schon gar nicht: Du hast leider die Symbolik des Vogels in Zeile sieben übersehen. Sondern: Bleib einen Augenblick darin. Schau, was du siehst. Hör, was du hörst. Spüre, wo etwas hängen bleibt. Du musst nicht herausfinden, was das Gedicht von dir will. Es will möglicherweise gar nichts. Aber etwas kann zwischen euch geschehen. Und wenn nichts geschieht, darfst du weitergehen.

Auch Gedichte müssen damit leben, dass man sie nicht liebt. Sie sind schließlich veröffentlicht. Das Risiko war ihnen bekannt.

Stefan Plasa



Eine Antwort zu „Ich verstehe das nicht. | Über Gedichte, Bedeutungen und andere Zumutungen“

  1. Avatar von antiquariateschmann
    antiquariateschmann

    Lieber Herr Plasa,

    Ihren heutigen Beitrag finde ich interessant und wertvoll (ich habe ihn sogar ausgedruckt und archiviert; daran erkennen Sie, wie ernst ich das Thema nehme, spricht es doch für mich ein altes Problem an). Gleichzeitig möchte ich signalisieren, dass ich hinsichtlich der Verständlichkeit von Gedichten eine andere Meinung habe als Sie (eigentlich müssten wir das bei ein oder zwei Bier diskutieren und nicht schriftlich).

    Mein Anspruch an Gedichte ist zunächst, sie verstehen zu können. Denn erst wenn ich etwas verstehe, kann ich etwas empfinden (Entschuldigung, ich bin ein Kopfmensch. „Bauchmenschen“ würden Ihnen vermutlich eher zustimmen). Zu Ihren Gedichten kann ich (noch) nichts zur Verständlichkeit sagen, da ich sie nicht kenne. Wenn Sie einem Ihrer Leser den Rat geben, „versuche, etwas zu empfinden“, glaube ich nicht, dass das funktionieren wird. Gefühle lassen sich nicht empfehlen.

    Allerdings bin auch ich der Meinung, dass Kunst generell und nicht nur Gedichte „berühren“ soll und muss; ansonsten hat sie ihr Ziel beziehungsweise ihren Zweck nicht erreicht. Sie schreiben selbst, dass Gedichte lesbar bleiben dürfen. Ich möchte Ihre Aussage gerne verschärfen: Gedichte müssen lesbar bleiben.

    In vielen Gesprächen mit Bekannten und Freunden höre ich oft, man habe mit Lyrik „nichts am Hut“, weil man einfach nicht verstehe, worum es geht. Das empfinde ich als traurige Bankrotterklärung für die Lyrik. Natürlich bleibt dabei die alte Schuldfrage: Ist der Leser zu unkundig für anspruchsvolle Gedichte oder ist der Lyriker unfähig, verständlich zu schreiben? Dabei bedeutet „Klarheit“ keineswegs künstlerische „Wertlosigkeit“ (vgl. Ihren Hinweis „Ich bin traurig“), sondern vielmehr sprachliche und vor allem inhaltliche Verständlichkeit.

    Sie schreiben: „Das Gedicht weiß nicht mehr als ich. Aber es kann mehr enthalten, als ich wusste.“ Das mag sein. Dennoch schreibt mein Unbewusstes hier einen Text, der gelesen und verstanden werden möchte. Und wenn es sogar die Situation gibt, dass der Autor selbst nicht weiß, worüber er schreibt, wie sollte es dann der Leser verstehen können und wollen?

    Wir sollten bedenken, dass viele Menschen ungern schwierige Texte lesen. Ich möchte das nicht polemisieren. Deshalb breche ich an dieser Stelle ab. Es gäbe noch viel zu sagen (vielleicht klappt es doch irgendwann mit einem Bier?).

    Seien Sie sicher, ich schätze Ihre Gedanken sehr, auch wenn ich sie in dieser Absolutheit nicht teilen mag.

    Liebe Grüße 

    Michael Eschmann

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