Stella vom Meer: Samo šuti

Meiner Mutter Sprache

Samo šuti

Ich bin eine Braut ohne Sprache.
Stehe vor dem Altar, keine Worte.

Das Kleid, nur geliehen.
Die Predigt, unverständlich.
Der Ring, Kaugummiautomat
Der Bräutigam, mein Du aus Fremdem.

Wir kennen uns, wie man sich kennt
wenn man sich auf der Straße grüßt

Du liebst Kloß
Den werde ich kochen
Und Burgen, ich baue sie dir
aus Sandstein und Winden

Ich lerne:
ä, ö, ü,
ch, ck
Nomenreihung
und all deine Verben

Ich will schön sein für dich
nicht weiter auffallen

Kein R rollt mehr
auf meiner Zunge
č, ć, nj,
Ž, dž, lj
schluck ich runter

Meiner Mutter Sprache
liegt wie ein Stein
in der Tiefe
und blickt mich
fragend an

Wann kommst du wieder?

Schweigen –
die Sprache der Braut

Ali ipak
Idemo dalje


Resonanz

Der Titel spricht, bevor das deutsche Gedicht beginnt.

Samo šuti. Sei einfach still. Schweig nur. Dann: Ich bin eine Braut ohne Sprache. Ein ungeheuer einfacher Satz. Und ein verstörendes Bild. Eine Braut steht vor einem Altar. Eigentlich ein Augenblick des Versprechens, der Verbindung, des gemeinsamen Beginns. Doch Stella vom Meer entzieht dieser Szene beinahe alles, was ihr Sicherheit geben könnte. Keine Worte. Eine unverständliche Predigt. Das Kleid nur geliehen. Der Ring aus dem Kaugummiautomaten. Und selbst der Bräutigam ist: mein Du aus Fremdem. Das Fremde steht damit nicht draußen vor der Tür. Es ist in die intimste Anrede eingedrungen.

Du. Gerade dieses Wort, das Nähe herstellen soll, trägt Fremdheit in sich. Und dennoch beginnt das lyrische Ich, sich auf dieses Du zuzubewegen.

Du liebst Kloß
Den werde ich kochen
Und Burgen, ich baue sie dir
aus Sandstein und Winden

Darin liegt Zärtlichkeit. Auch ein leiser Humor. Vor allem aber die Bereitschaft, sich einzulassen: auf Gewohnheiten, Geschmack, Landschaft, Sprache, ein anderes Leben. Dann beginnt der Unterricht.

ä, ö, ü,
ch, ck

Das Deutsche erscheint zunächst als Mundarbeit. Laute müssen gelernt werden. Der Körper muss sich anpassen. Die Zunge muss Dinge tun, die sie zuvor nicht getan hat. Dann folgen Nomenreihung und Verben. Eine neue Sprache wird nicht nur gelernt. Sie zieht ein. Und mit ihr kommt ein Wunsch, der den Ton des Gedichts verändert:

Ich will schön sein für dich
nicht weiter auffallen

Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, sprechen zu können. Es geht darum, nicht gehört zu werden als die, die von anderswo kommt. Sprache sitzt im Körper. Das weiß dieses Gedicht sehr genau.

Kein R rollt mehr
auf meiner Zunge

Ein Laut verschwindet. Dann folgen andere:

č, ć, nj,
Ž, dž, lj

Für Leserinnen und Leser, deren Sprache diese Zeichen nicht kennt, stehen sie zunächst beinahe fremd auf der Seite. Genau darin liegt ihre Wirkung. Man muss sie nicht einmal korrekt aussprechen können, um zu sehen: Hier ist eine andere sprachliche Heimat anwesend. Doch das lyrische Ich sagt: schluck ich runter. Das ist der schmerzhafteste Vorgang des Gedichts. Laute werden nicht vergessen. Sie werden geschluckt. Was zur eigenen Stimme gehört, wird in den Körper zurückgedrängt, damit dieser Körper in einer anderen sprachlichen Umgebung weniger auffällt. Anpassung bekommt plötzlich eine physische Gestalt. Und dann kommt die Zeile, auf die für mich das ganze Gedicht zuläuft:

Meiner Mutter Sprache
liegt wie ein Stein
in der Tiefe

Nicht: meine Muttersprache. Meiner Mutter Sprache. Durch diese kleine Verschiebung wird aus einem abstrakten Begriff eine Beziehung. Da ist eine Mutter. Da ist ihre Sprache. Da ist das Kind, das sie in sich trägt. Und da ist der Stein. Er kann Last sein. Gewicht. Etwas Versunkenes. Aber ein Stein löst sich nicht einfach auf. Er bleibt.

Aus dieser Tiefe kommt eine Frage: Wann kommst du wieder? Wer fragt hier? Die Mutter? Die Sprache? Die Herkunft? Das frühere Selbst? Das Gedicht lässt diese Stimmen ineinanderfallen. Und gerade deshalb trifft die Frage so tief. Rückkehr muss hier längst keine einfache geographische Bewegung mehr bedeuten. Wohin sollte man zurückkehren, wenn man sich verändert hat? In ein Land? Eine Stadt? Eine Sprache? Zu einem Menschen? Zu derjenigen, die man einmal gewesen ist?

Für eine Autorin, die in Mostar aufgewachsen ist, bekommt diese Frage einen biographischen Resonanzraum. Das Gedicht selbst aber öffnet sie weiter. Es spricht von einer Erfahrung, die viele Formen annehmen kann: Eine neue Welt wird Heimat, ohne dass die alte deshalb aufhört, in einem zu sprechen. Man kann mehr als eine Heimat besitzen. Und gerade dadurch erfahren, dass man in keiner mehr ganz die-/derselbe ist.

Dann:

Schweigen –
die Sprache der Braut

Der Anfang kehrt zurück.

Samo šuti.

Das Schweigen war also die ganze Zeit anwesend. Aber Schweigen bedeutet hier nicht Sprachlosigkeit im einfachen Sinne. In ihm liegen Wörter, Laute, Erinnerungen, Anpassung, Liebe, Fremdheit. Eine ganze Sprache kann schweigen und trotzdem im Körper weiterleben.

Das Gedicht könnte hier enden. Es tut es nicht. Nach dem deutschen „Schweigen“ geschieht etwas Entscheidendes. Die andere Sprache spricht wieder:

Ali ipak
Idemo dalje

Und trotzdem. Wir gehen weiter. Das berührt mich besonders. Denn die Sprache, die zuvor hinuntergeschluckt wurde, bekommt das letzte Wort. Nicht triumphierend. Nicht als große Rückkehrerzählung. Sie ist einfach wieder da. Und mit ihr dieses Wir. Am Anfang stand eine einzelne Braut ohne Sprache. Am Ende gehen Menschen gemeinsam weiter.

Samo šuti erzählt von Migration, Liebe und Sprache, ohne daraus Begriffe zu machen. Es erzählt davon durch eine Zunge, einen Kloß, ein geliehenes Kleid, einen billigen Ring, einige Konsonanten und einen Stein. Gerade diese Schlichtheit gibt dem Gedicht seine Kraft. Es behauptet nicht, dass Ankommen leicht sei. Es behauptet auch nicht, dass Herkunft unverändert bewahrt werden könne. Etwas geht verloren. Etwas wird gelernt. Etwas wird verschluckt. Etwas bleibt. Und etwas kehrt zurück, wenn man schon glaubte, es sei verstummt.

Die Sprache der Mutter liegt tief. Aber sie liegt dort nicht tot. Am Ende hebt sie noch einmal den Kopf.

Ali ipak. Und trotzdem. Zwei kleine Wörter gegen das Verstummen. Dann ein Weg: Idemo dalje. Wir gehen weiter.

Stefan Plasa


Die unter dem Pseudonym Stella vom Meer veröffentlichende Autorin lebt und arbeitet in Nürnberg. Sie wurde in Mostar (Bosnien u. Herzegowina) geboren und ist dort auch aufgewachsen. Sie hat u.a. Lyrik im Gedichtband Wo:Man im Silberkrone Verlag veröffentlicht (zusammen mit der Dichterin SonjYara), in der Edition Federleicht (Jahreskalender 2025) sowie in den Zeitschriften Brot//los und Das Narr. Stella vom Meer schreibt außerdem regelmäßig für die Magazine Auszeit und Ich Bin, darüber hinaus für den Familienblog der Stadt Nürnberg.



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