Barbara Riemer: Mein Herbst

Goldene Töne vor der Stille

Mein Herbst

Federleicht wie Pergament fallen Blätter bunt und fein
in des Tages Glanz und Pracht und des Mondes Nacht hinein.

Winde stürmen über Hain und Flur. Über Stoppelfelder der Natur
zieht ein feiner Nebelschweif sehr sacht
und verwandelt Wald und Feld in eine gar stille Pracht.

Vogelnester sind verlassen und ihr Zug fliegt südwärts hin,
aus den schmalen, engen Gassen übers Meer zum Rasten hin.

An den Reben hängen schwer, süß und saftig, prall gefüllt,
Traubenglocken rot und weiß,
jede Beere süß, wie Eis.

Und die stolzen Rosenstöcke in den Gärten
Blühen voller Lust und Freud,
Zeigen noch in voller Pracht Hagebutten, Knospen
und noch ihre bunten Blüten bis zur ersten Winternacht.

Bis dann auch im rauen Winterkleid
Ihre Köpfchen matt herniedersinken und zum Abschied leise winken.
Und noch einmal voller Kraft sprüht der Herbst in seiner Pracht letzte Zeichen
goldener Töne, um uns Menschen zu versöhnen.

Nun wird’s still in Wald und Flur. Hörst nur noch des Baches Rauschen,
schlafen geht jetzt die Natur.
Doch tief unten, gut versteckt, regen sich die neuen Triebe,
bis die Sonne sie erweckt und uns neue Hoffnung schenkt.


Resonanz

Man könnte beinahe vergessen haben, dass Gedichte einmal so klangen wie Barbara Riemers Mein Herbst. Mit Reimen. Mit Mond und Wald und Flur. Mit ziehenden Vögeln, reifen Trauben, Rosen und Hagebutten. Mit einer Natur, die nicht gebrochen, beschädigt, ironisiert oder zunächst durch drei Schichten poetologischer Selbstbefragung geschickt werden muss, bevor sie ein Gedicht betreten darf.

Barbara Riemer tut etwas erstaunlich Unzeitgemäßes: Sie besingt den Herbst. Einfach so. Und gerade darin liegt der Reiz ihres Gedichts. Schon die ersten Verse öffnen eine Welt, deren Ton uns eigentümlich vertraut vorkommt:

Federleicht wie Pergament fallen Blätter bunt und fein
in des Tages Glanz und Pracht und des Mondes Nacht hinein.

Das könnte aus einer anderen Zeit zu uns herüberklingen. Das Gedicht sucht seine Kraft nicht in sprachlicher Verstörung, sondern in Rhythmus, Klang, Wiedererkennbarkeit. Es nimmt die alten Bilder ernst. Blätter fallen. Winde ziehen über die Felder. Nebel legt sich über die Landschaft. Vögel brechen nach Süden auf. Trauben hängen schwer an den Reben. Rosen blühen ein letztes Mal. Und all das ist schön. Warum sollte es das auch nicht sein dürfen?

Aber der Herbst ist niemals einfach nur schön ist. Das weiß dieses Gedicht sehr genau. Denn beinahe jedes seiner Bilder trägt bereits sein Ende in sich. Das Blatt leuchtet, weil es fällt. Die Traube ist prall und süß, weil die Zeit der Ernte gekommen ist. Die Rosen zeigen noch einmal ihre Blüten, bis zur ersten Winternacht. Die Vögel fliegen fort. Der Nebel kommt. Die Natur wird still. Unter der farbenprächtigen Oberfläche läuft also eine zweite Bewegung mit: die Bewegung des Abschieds.

Der Herbst schenkt verschwenderisch, während er nimmt. Das ist sein uraltes Paradox. Noch einmal Farben, Düfte, Früchte, Wärme im Licht. Eine letzte große Feier des Lebendigen, bevor die Tage kürzer werden und Kälte und Dunkelheit das Jahr übernehmen. Barbara Riemer findet dafür ein besonders schönes Bild:

Und noch einmal voller Kraft sprüht der Herbst in seiner Pracht letzte Zeichen
goldener Töne, um uns Menschen zu versöhnen.

Goldene Töne. Da wird Farbe beinahe hörbar. Und bemerkenswert ist das kleine Wort am Ende: versöhnen. Womit eigentlich? Mit dem Winter? Mit dem Abschied? Mit der Zeit? Mit der Tatsache, dass nichts von dem, was uns geschenkt wird, unser Besitz bleibt? Das Gedicht beantwortet diese Fragen nicht. Sein traditioneller Ton könnte darüber hinwegtäuschen, wie groß die Frage ist, die darin verborgen liegt.

Der Herbst ist auch deshalb eine so alte Jahreszeit der Lyrik, weil Natur und menschliches Leben sich in ihm beinahe von selbst ineinander spiegeln. Irgendwann im Leben verändert sich die Richtung des Blicks. Das Voraus wird kürzer. Das Zurück länger. Erinnerungen vermehren sich, Möglichkeiten werden weniger. Man beginnt deutlicher zu begreifen, dass Zeit nicht nur vergeht, sondern abläuft. Das muss kein trauriger Gedanke sein. Aber es ist ein ernster. Und Barbara Riemers Gedicht begegnet ihm nicht mit Verzweiflung. Es schaut vielmehr aufmerksam auf das, was gerade deshalb kostbar wird, weil es nicht bleiben kann.

Mich berührt daran besonders, dass sich kein lyrisches Ich vor diese Landschaft stellt. Niemand sagt uns fortwährend, was er empfindet. Die Stimme schaut. Sie zeigt. Sie hört. Blätter, Nebel, Vögel, Trauben, Rosen, Bach. Das Ich tritt zurück, damit Natur und Welt sichtbar werden können. Und erst gegen Ende geschieht etwas Entscheidendes: Aus der betrachteten Natur führt der Text zu uns.

um uns Menschen zu versöhnen.

Plötzlich stehen wir mit darin. Nicht als Beherrscher dieser Natur. Als diejenigen, die ebenfalls ihrer Zeit unterliegen. Und dann wird es still: schlafen geht jetzt die Natur. Man könnte hier enden. Winter. Schlaf. Abschied. Das Jahr schließt sich. Aber Barbara Riemer setzt darunter noch etwas, das fast unsichtbar bleibt.

Doch tief unten, gut versteckt, regen sich die neuen Triebe

Das ist mehr als die Beobachtung eines natürlichen Kreislaufs. Wer möchte, kann darin den nächsten Frühling sehen. Wer möchte, Hoffnung. Wer möchte, Auferstehung. Wer möchte, schlicht das ungeheure biologische Wunder, dass unter einer scheinbar erstorbenen Erde längst das nächste Werden vorbereitet wird.

Das Gedicht schreibt keine Lesart vor. Aber es entscheidet sich: Nicht für den Tod als letztes Wort. Die Natur schläft. Sie verschwindet nicht. Und die Sonne wird zurückkehren. Genau darin liegt die stille Schönheit dieses Gedichts. Es weiß um Vergänglichkeit, ohne ihr die Herrschaft über das Leben zu überlassen. Es weiß um Abschied, ohne deshalb das Bleibende behaupten zu müssen. Es schaut auf das Vergehende und sagt: Sieh doch. Noch einmal. Diese Farben. Diese Früchte. Diese Rosen. Dieses Licht.

Barbara Riemers Herbst ist deshalb keine Verdrängung des Endes. Er ist eine Dankbarkeit vor dem Ende. Für das Geschenkte. Für das, was eine Weile bei uns sein durfte. Für das, was wir irrtümlich manchmal Besitz nennen, obwohl es uns doch nur für eine bestimmte Zeit anvertraut wurde. Vielleicht ist das die tiefste Versöhnung, von der diese Verse sprechen: nicht festhalten zu müssen, um lieben zu können. Und darauf zu vertrauen, dass nach unserem Sehen, unserem Ernten, unserem Abschiednehmen etwas weitergeht. Tief unten. Gut versteckt. Noch nicht sichtbar. Aber schon da.

Stefan Plasa


Barbara Riemer lebt in Ettlingen.



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