An einer Hand
Sichtbarkeit
40 Jahre aus der Schule. Da stand natürlich ein Fest an.
Ich hatte lange überlegt, ob ich überhaupt hingehen sollte. Wirklich Lust hatte ich keine. Aber ich hatte einen Joker im Ärmel: Ich konnte nicht fest zusagen, weil ich nicht wusste, ob wir rechtzeitig aus dem Urlaub zurückkommen würden.
Und das war mir ganz recht. So konnte ich die Entscheidung spontan treffen.
Naja, wir kamen schon am Samstagmorgen um fünf nach Hause, weil wir beschlossen hatten, in die Nacht hineinzufahren. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr schlug mein inneres Pendel Richtung Klassentreffen aus.
Eigentlich war unsere Klasse gegenüber anderen stinknormal. Keine aufgeblasenen Typen, die sich beweisen oder profilieren mussten. Klar, es gab damals schon welche, mit denen man enger war, und andere, von denen man sich lieber fernhielt. Aber insgesamt war es okay.
Ich war gespannt, ob das nach 40 Jahren noch genauso war.
Wir hatten uns zwischendurch immer mal wieder getroffen, aber da war es meistens nur der harte Kern. Also versuchte ich, relativ neutral hinzugehen.
Kleines Schmankerl am Rande: Ich war die Zweite, die eintrudelte.
Nach und nach kamen sie. Und sogar drei alte Lehrkräfte waren dabei. Unsere Klassenlehrerin und zwei Hauptfachlehrer.
Man begrüßte sich, suchte sich einen Platz, der Abend konnte beginnen.
Als die Lehrer eintrafen, erhob man sich höflich und begrüßte sich.
Und da begann es.
Unsere Klassenlehrerin kam zu mir, sah mich fragend an und wollte meinen Vornamen wissen. Nichts klingelte.
Dann den Nachnamen. Wieder nichts.
Man konnte genau sehen, wie sie versuchte, die Situation zu retten.
„Ja, ganz vage.“
So weit, so gut.
Dann kam die Hauptfachlehrerin. Gleiches Spiel.
Da ploppte bei mir schon der erste Argwohn auf. Konnte das sein?
Dann kam er. Unser Hauptfachlehrer. Er begrüßte mich, fragte nach meinem Vornamen. Kein Lebenszeichen der Erkenntnis.
Dann den Nachnamen. Immer noch nichts.
Auch er versuchte, die Situation zu retten. „Tut mir leid, ich kann mir nicht alle Schüler merken.“
Dafür habe ich vollstes Verständnis.
Jetzt muss ich allerdings gestehen, dass ich damals total für ihn geschwärmt hatte. Jedes Mal, wenn er mich aufgerufen hatte, dachte ich, man müsse mir meinen heißen Kopf sofort ansehen. Zu seinem guten Aussehen kam hinzu, dass er sehr charmant und menschlich war.
Bei ihm hatten wir Mathematik, Physik und Chemie. Meine absoluten Spezialgebiete. Von hinten rein gesehen.
Ich war hoffnungslos verloren.
Mehr als einmal stand ich auf 4,7 oder 4,8.
Er hatte es zur Regel gemacht, am Ende des Halbjahres oder Schuljahres die Ordner zu kontrollieren. Und wenn man die einigermaßen sauber geführt hatte, konnte man davon wirklich profitieren.
Für mich bedeutete das: Nie eine Fünf im Zeugnis.
Und dafür war ich ihm unendlich dankbar.
Also zurück zum Wiedersehen.
Ich war innerlich perplex, dass er mich überhaupt nicht erkannte. Denn ich war damals felsenfest davon überzeugt gewesen, dass die ganze Klasse mitbekommen haben musste, wie sehr ich für ihn schwärmte. Und natürlich auch er.
Jetzt stand ich da, 40 Jahre später, mit der Erkenntnis, dass alle drei Lehrer von mir keinen blassen Schimmer hatten.
Ich überlegte kurz, ob ich enttäuscht sein sollte oder mich freuen durfte.
Ich entschied mich für keines von beidem. Stattdessen musste ich innerlich grinsen. Über meine damaligen Gedankenspiralen, die nach Jahrzehnten plötzlich aus dem hintersten Kämmerchen wieder auftauchten. Und darüber, dass das Ganze offenbar eine ziemliche Luftnummer gewesen war.
Jaja. Die Rübe und ihre Kinkerlitzchen.
Irgendwann dachte ich:
Ich muss damals ziemlich unsichtbar gewesen sein, wenn sich keiner mehr an mich erinnert.
Gut.
Zwischendurch setzte sich unser Hauptfachlehrer zu den kleinen Gruppen und kam mit allen ins Gespräch.
Irgendwann saß er bei mir und einer Klassenkameradin. Er wollte wissen, wie unser Werdegang gewesen war. Zuerst ließ ich sie erzählen. Dann wandte er sich mir zu.
Ich berichtete ihm, dass mich das Bildungswesen 30 Jahre lang in den Klauen gehalten hatte. Zuerst als Verwaltungskraft an einer Pädagogischen Hochschule, später als Schulsekretärin an Schulen. Und ich erzählte ihm, dass ich seit letztem Jahr Autorin bin.
Er schien beeindruckt. Zumindest zog er die Augenbrauen hoch.
So weit, so gut.
Zum Ende des Abends hatte sich eine Klassenkameradin ein Quiz zur Unterhaltung ausgedacht. Unter anderem gab es ein Dalli-Klick-Spiel.
Für alle, die nicht so alt sind und nicht wissen, was das bedeutet:
Ein Bild wird in Kästchen unterteilt und komplett verdeckt. Dann werden nach und nach einzelne Kästchen aufgedeckt und man soll möglichst früh erraten, was auf dem Bild zu sehen ist.
Wir hatten schon ein paar Durchläufe hinter uns. Bilder von Klassenfahrten und Schulfesten.
Dann kam ein neues Bild.
Das erste Kästchen zeigte eine Hand. Ich betrachtete sie. Und spontan rutschte aus mir heraus: „Sieht aus wie meine Worschdfinger.“
Ich musste lachen. Denn ich ging überhaupt nicht davon aus, dass da ein Bild von mir auftauchen könnte.
Bei den anderen Bildern hatte ich ohnehin ständig das Gefühl, in einer Parallelrealität unterwegs gewesen zu sein, weil ich mich an kaum etwas erinnern konnte.
Noch bevor das zweite Kästchen geöffnet wurde, rief eine Klassenkameradin meinen Namen.
Ich drehte mich völlig erstaunt zu ihr um. „Ernsthaft?“
Sie grinste nur.
Dann löste die Quizmasterin das Bild auf. Und tatsächlich. Ich.
Im Landschulheim. Auf dem Boden unseres Zimmers kniend. Offenbar damit beschäftigt, Krümel vom Teppich in einen Plastikbecher zu schaufeln. Seitlich in die Kamera blickend. Und die Zunge bis zum Anschlag draußen.
Ich war erst einmal geflasht.
Nicht nur darüber, dass dieses Bild existierte. Sondern auch darüber, dass ich es noch nie gesehen hatte. Die Erinnerung daran war nur noch ganz schwach.
Und dann musste ich schon wieder innerlich grinsen.
Weil ich zwei Stunden zuvor noch gedacht hatte, ich sei damals offenbar unsichtbar gewesen. Und jetzt erkannte mich jemand nach 40 Jahren an einer Hand. An meinen Worschdfingern.
A propos: Ich muss meine Klassenkameradin unbedingt noch nach dem Bild fragen.
Der Abend ging langsam zu Ende.
Die Lehrer waren die ersten, die sich verabschiedeten. Alle inzwischen im hohen Alter, und Respekt, dass sie überhaupt so lange durchgehalten hatten.
Ich stand gerade mit einer Klassenkameradin zusammen, als unser Hauptfachlehrer zu uns kam. Er bedankte sich für den schönen Abend und vor allem für die wundervollen Gespräche. Dann deutete er auf mich und sagte: „Auch das Gespräch mit dieser netten Dame.“
Boah.
Ernsthaft?
Jetzt hatte ich mich persönlich vorgestellt. Wir hatten sogar ein längeres Gespräch miteinander geführt. Und was war das Fazit?
Halbunsichtbar.
Er wusste meinen Namen immer noch nicht. Aber anscheinend konnte er sich wenigstens vage an unser Gespräch erinnern.
Mein inneres Grinsen wurde inzwischen ziemlich breit. Denn plötzlich wurde mir bewusst, wie unterschiedlich die Wahrnehmung anderer Menschen von der eigenen sein kann. Wie viel wir in Situationen hineininterpretieren. Wie überzeugt wir davon sind, dass andere etwas sehen, bemerken oder über uns denken müssen.
Und wie oft davon vermutlich kaum etwas stimmt.
Damals hatte ich mir Gedanken gemacht, ob jemand bemerken könnte, dass ich für meinen Lehrer schwärmte. Weil es peinlich hätte sein können. Weil man in dem Alter weiß, wie schnell man zum Gespött werden kann.
40 Jahre später stand derselbe Mann vor mir und wusste nicht einmal mehr meinen Namen.
Während eine ehemalige Klassenkameradin mich nach Jahrzehnten an meinen Worschdfingern erkannte.
Vielleicht ist Sichtbarkeit also gar nichts Festes.
Vielleicht sind wir für den einen kaum mehr als eine vage Erinnerung und für den anderen sofort wieder da.
Vielleicht machen wir uns viel zu viele Gedanken darüber, wie wir gesehen werden.
Und vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn ehrlich gesagt:
Auf dieses Wechselbad der Wahrnehmung kann ich gut verzichten.
Das innere Grinsen allerdings?
Das war göttlich.
Resonanz
Was bleibt nach vierzig Jahren von einem Menschen? Der Name vielleicht nicht. Die heimliche Schwärmerei schon gar nicht. Drei ehemalige Lehrkräfte sehen eine frühere Schülerin an – und in ihren Gesichtern geschieht: nichts. Kein Wiedererkennen. Allenfalls jene höfliche Anstrengung, mit der Menschen eine Erinnerung zu erzeugen versuchen, die leider beschlossen hat, nicht mehr zu existieren.
Und dann genügt eine Hand. Sieht aus wie meine Worschdfinger. Noch bevor das alte Foto vollständig sichtbar wird, erkennt eine ehemalige Klassenkameradin MaKreWe wieder. Das ist die wunderbare kleine Volte dieses Textes: Gerade hatte die Erzählerin noch geglaubt, sie müsse als Schülerin nahezu unsichtbar gewesen sein. Nun erfährt sie, dass sie sehr wohl im Gedächtnis eines anderen Menschen geblieben ist – nur eben vollkommen anders, als sie selbst es erwartet hätte.
Vielleicht ist das überhaupt eine der sonderbarsten Erfahrungen unseres Zusammenlebens: Wir wissen nicht, welche Spur wir in anderen hinterlassen. Was uns selbst ungeheuer wichtig war, kann für einen anderen vollkommen verschwunden sein. Und etwas, dem wir keinerlei Bedeutung beigemessen haben – eine Geste, ein Lachen, eine Hand, eine herausgestreckte Zunge auf einem alten Foto –, übersteht Jahrzehnte.
MaKreWes Text erzählt davon angenehm unfeierlich. Keine große Meditation über Zeit und Erinnerung. Stattdessen Klassentreffen, Jugendschwärmerei, schlechte Mathenoten, Dalli-Klick und eben jene unsterblichen Worschdfinger. Gerade der selbstironische Ton bewahrt den Gedanken vor falscher Bedeutsamkeit. Darin liegt etwas Befreiendes. Wir verbringen erstaunlich viel Lebenszeit mit der Vorstellung, andere Menschen würden uns beobachten, beurteilen, erinnern. Während wir noch darüber nachdenken, wie wir erscheinen, sind sie vermutlich längst mit ihren eigenen Gedankenspiralen beschäftigt.
Und doch sind wir nicht unsichtbar. Nur haben wir kaum Einfluss darauf, wo und wie wir sichtbar bleiben. Manchmal nicht im Namen. Nicht in dem, was wir für wichtig hielten. Nicht einmal in der großen heimlichen Liebesgeschichte, von der zumindest eine Beteiligte jahrzehntelang überzeugt war, sie müsse seinerzeit ungefähr der gesamten Schulgemeinschaft bekannt gewesen sein. Manchmal genügt eine Hand. Das Gedächtnis ist eben ein eigensinniges Archiv. Und offenbar archiviert es gelegentlich Worschdfinger sorgfältiger als Lebensläufe.
Stefan Plasa
MaKreWe ist das Pseudonym der deutschen Autorin Martina Back. Sie schreibt literarische und essayistische Texte, in denen sie alltägliche Beobachtungen, menschliche Eigenheiten und Fragen der Wahrnehmung mit Humor und Perspektivwechseln verbindet. Neben Essays und Kurztexten veröffentlicht sie Bücher für Erwachsene und Kinder. Weitere Texte erscheinen auf Substack und Medium.

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