Sami Kuci: Beim Apfelbaum

Was das Mondlicht nicht sagt

Beim Apfelbaum

Unter dem Apfelbaum vergräbst du
das Buch mit den Zaubersprüchen.
Jede Nacht kommst du hierher und isst von den Äpfeln.
Wenn wir es aussprechen, verlieren wir es,
sagst du zu mir. Sprich es
immer nur in dich hinein,
nur so wirkt der Zauber
und verändert die Welt
durch dich und durch mich,
ohne dass wir´s bemerken.
Plötzlich steht es da
und die Stille hat es geboren.
Du heißt mich, von einem Apfel zu kosten.
Stattdessen sing ich dir ein Lied.
Du aber erklärst mir, warum Bäume
nicht sprechen. Weil sie alles wissen,
sagen sie nie mehr ein Wort.
Und legst mir an die Wange den Apfel.
Bald wird sein, sagst du,
was selbst die Liebe nicht träumt.
Verstummst dann und tanzt,
was das Mondlicht nicht sagt.


Resonanz

Unter einem Apfelbaum liegt ein Buch vergraben. Es enthält Zaubersprüche. Jemand kommt jede Nacht zurück, isst von den Äpfeln und bewahrt ein Geheimnis. So beginnen Märchen. So könnten auch sehr alte Lieder beginnen, die über Generationen weitergegeben wurden, bis niemand mehr wusste, wer sie zuerst gesungen hatte.

Sami Kucis Beim Apfelbaum besitzt etwas von dieser ursprünglichen Einfachheit. Die Bilder sind vertraut, beinahe archaisch. Ein Baum, ein Apfel, ein Buch, zwei Menschen, der Mond. Und doch öffnet sich zwischen ihnen eine Welt, die sich unserer gewöhnlichen Sprache entzieht.

Wenn wir es aussprechen, verlieren wir es

Das sagt das Du. Was dieses Es bezeichnet, erfahren wir nicht. Den Zauber? Ein Geheimnis? Die Liebe? Etwas, das zwischen zwei Menschen entstanden ist und seinen Namen verlieren würde, sobald man es festhalten wollte? Das Gedicht lässt die Frage offen. Es bewahrt damit selbst, wovon es spricht. Denn der Zauber soll nur wirken, wenn man ihn in sich hineinspricht. Dort, im Inneren, beginnt er, die Welt zu verändern:

durch dich und durch mich,
ohne dass wir´s bemerken.

Wie wunderbar unspektakulär diese Verwandlung geschieht. Kein Blitz. Kein Wunderzeichen. Keine Offenbarung. Die Welt verändert sich, während wir leben. Und eines Tages ist etwas da, das zuvor nicht da war.

und die Stille hat es geboren.

Vielleicht ist das die schönste Zeile dieses Gedichts. Die Stille wird zur Gebärenden. Ausgerechnet das Schweigen bringt etwas hervor, das größer ist als das, was ausgesprochen werden könnte. Es ist eine Vorstellung von großer Zartheit: dass das Wesentliche unseres Lebens nicht immer dort entsteht, wo wir erklären, benennen, behaupten, sondern auch im Unbemerkten, im gemeinsamen Schweigen, im langsamen Werden.

Dann geschieht etwas sehr Einfaches. Das Du reicht einen Apfel. Das Ich antwortet mit einem Lied. Zwei Gaben. Eine Frucht und ein Gesang. Der Apfel gehört zur Erde, zum Baum, zum Reifen und Vergehen. Das Lied gehört zur Stimme, zum Atem, zur Zeit. Beide werden gegeben. Beide sind vergänglich. Und beide tragen etwas weiter.

Der Apfelbaum selbst besitzt eine lange Geschichte in unseren Vorstellungen von Welt: Fruchtbarkeit, Erkenntnis, Verführung, Leben. Doch Kuci macht aus ihm kein gelehrtes Symbol. Sein Baum steht einfach da. Man kann unter ihm sitzen. Man kann seine Früchte essen. Man kann etwas unter seinen Wurzeln verbergen. Und man kann von ihm lernen.

Weil sie alles wissen,
sagen sie nie mehr ein Wort.

Ein Satz wie aus einer alten Überlieferung. Und zugleich eine beinahe heitere Umkehrung unserer menschlichen Gewohnheit, Wissen vor allem dadurch zu beweisen, dass wir sprechen. Die Bäume wissen alles. Also schweigen sie. Vielleicht ist ihre Stille älter als unsere Fragen. Vielleicht braucht die Welt unsere Erklärungen viel weniger, als wir glauben. Das Gedicht führt uns jedenfalls zu einer anderen Art des Wissens: einem Wissen, das nicht besitzen, nicht überzeugen, nicht einmal mitteilen muss. Es genügt, da zu sein. Dann legt das Du dem Ich den Apfel an die Wange. Eine winzige Bewegung. Und doch verändert sie alles.

Der Apfel wird nicht gegessen. Er berührt die Haut. Die Frucht des Baumes, die eben noch Erkenntnis oder Nahrung hätte bedeuten können, wird Teil einer menschlichen Zärtlichkeit. Es ist eine jener Gesten, die man kaum erklären kann, ohne sie zu beschädigen. Vielleicht braucht sie gerade deshalb keinen weiteren Satz. Aber das Du spricht noch einmal:

Bald wird sein, sagst du,
was selbst die Liebe nicht träumt.

Hier öffnet sich das Gedicht in eine Zukunft, die größer ist als jede Vorstellung. Was wird sein? Eine Erfüllung? Ein Verlust? Eine Verwandlung, die selbst die Liebe noch nicht kennt? Die Zeilen versprechen nichts Eindeutiges. In ihnen liegt Hoffnung, vielleicht auch ein leiser Schauder. Denn das Kommende entzieht sich unseren Wünschen ebenso wie unseren Ängsten. Selbst die Liebe, die wir gern für die größte denkbare Möglichkeit menschlicher Nähe halten, kennt noch nicht alles. Dann verstummt das Du. Und tanzt.

was das Mondlicht nicht sagt.

So endet dieses Gedicht: mit einer Bewegung, die an die Stelle der Worte tritt. Zuerst das geheime Sprechen nach innen. Dann das Lied. Zuletzt der Tanz. Die Sprache wird immer körperlicher, bis sie schließlich ohne Wörter auskommt. Und vielleicht ist genau darin jene eigentümliche Schönheit zu finden, die Beim Apfelbaum so sehr an einen alten Gesang erinnert. Das Gedicht vertraut auf Bilder, Gesten und Wiederholungen, die keiner Erklärung bedürfen, um uns zu erreichen. Es bewahrt etwas von einer Welt, in der Mensch und Natur noch miteinander sprechen konnten – gerade weil nicht alles ausgesprochen werden musste.

Sami Kucis Verse sind von großer Schlichtheit. Sie drängen sich nicht vor, sie stellen ihre Bilder nicht aus, sie verlangen keine Bewunderung für ihre sprachliche Kunst. Und doch bleibt nach der Lektüre etwas zurück. Ein Apfel an einer Wange. Ein vergrabenes Buch. Zwei Menschen unter einem Baum. Ein Tanz im Mondlicht. Das die seltene Kunst dieses Gedichts: Es lässt uns an etwas teilhaben, dessen Geheimnis es nicht preisgibt. Wir erfahren nicht, was der Zauber ist. Aber für einen Augenblick glauben wir an ihn.

Stefan Plasa


Sami Kuci, geb. in Vaska (Kroatien). Lebt und schreibt in Stephanskirchen. Bisherige Veröffentlichungen: 2008: Geschenke und andere Gedichte, es folgten 2014 und 2015 zwei Romane: Die Streichholzschachtel und Erde – eine Verdeutlichung.



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