Clemens Josef Horschig: Gedanken im September

Dem Mond nach…

Gedanken im September

wie herum denn
Blätter welken lassen,
dass von der Blüte des Sommers
noch Knistern bleibt,
den Regen zu wärmen


es heißt, die Novemberluft
sei zu zierlich,
die Stimmen der Vögel
zu tragen


wer weiß schon,
wie licht der Morgen
auf den Lippen liegt
wenn sanfter Schauer
weich und lauernd
deine Augen wiegt
und Sonne sich
am Fenster regt

der Himmel schläft,
wie noch von Nachtgesang
nur Himmelwärts
verklingen Träume
auf deinen Wangen liegt
verschämt Versäumtes


dem Mond nach
wiegen deine Hände,
gaben Lippen das Licht
nur weicher zurück

mein Haar, von deinem liegt es getragen
und nach dem Morgen zu fragen
warum er den Tag beginnt
(so leichtes Spiel)

schwerer nun liegt der Abend,
so lege zu ihm deine Augen, um nicht
die meinen zu schaun


Resonanz

Der September weiß bereits etwas, das der Sommer noch nicht wissen wollte. Man sieht es den Blättern an. Spürt es morgens in der Luft. Das Licht fällt anders. Wärme ist noch da, aber sie besitzt plötzlich Erinnerung.

Clemens Josef Horschigs Gedanken im September beginnen genau an dieser kaum bestimmbaren Stelle zwischen Anwesenheit und Verschwinden:

wie herum denn
Blätter welken lassen,
dass von der Blüte des Sommers
noch Knistern bleibt,
den Regen zu wärmen

Schon die Frage ist eigentümlich schön: Wie herum denn? Als ließe sich das Vergehen wenden. Als müsse man nur die richtige Seite finden, auf der etwas vom Gewesenen erhalten bleibt. Nicht die Blüte selbst. Ein Knistern. Mehr nicht. Aber dieses Knistern soll noch ausreichen, den Regen zu wärmen.

Horschigs Bilder besitzen diese leise Fähigkeit, Naturgesetze für einen Augenblick außer Kraft zu setzen, ohne phantastisch zu werden. Man versteht unmittelbar, was nicht möglich ist. Gerade darin wird es empfindbar: Etwas vom Sommer soll bleiben, obwohl der Sommer nicht bleiben kann.

Die zweite Sequenz ist noch kleiner:

es heißt, die Novemberluft
sei zu zierlich,
die Stimmen der Vögel
zu tragen

Wieder wird etwas kaum Greifbares, die Luft, mit einer Eigenschaft versehen, die beinahe körperlich wirkt. Zierlich. Nicht kalt. Nicht dünn. Nicht leer. Die Novemberluft ist zu zierlich geworden, um Stimmen tragen zu können. Plötzlich liegt in diesem kleinen Bild eine ganze Erfahrung des Verstummens. Die Vögel mögen noch da sein oder fortgezogen; entscheidend ist etwas anderes: Die Welt scheint ihre Fähigkeit zu verlieren, ihren Klang zu tragen. Das ist die Melancholie dieses Gedichts. Sie wird niemals ausgesprochen. Sie liegt in der Luft.

Und dann wird der Blick intimer. Morgenlicht liegt auf Lippen. Ein Schauer wiegt Augen. Sonne regt sich am Fenster. Der Himmel schläft noch, Nachtgesang verklingt, Träume steigen himmelwärts. Die Bilder beginnen ineinanderzufließen. Außen und Innen verlieren ihre klare Grenze.

auf deinen Wangen liegt
verschämt Versäumtes

Das ist eine jener Stellen, an denen Horschigs starke Verdichtung ihre besondere Wirkung entfaltet. Versäumtes bekommt einen Ort. Es liegt auf der Haut eines anderen Menschen. Und es liegt dort verschämt. Keine Geschichte erklärt, was versäumt wurde. Kein lyrisches Ich liefert nach, was zwischen diesen Menschen geschehen oder nicht geschehen ist. Das Gedicht vertraut darauf, dass dieses eine Wort genügt. Denn jeder kennt Versäumtes. Nicht dasselbe. Aber eigenes. Gerade dadurch öffnet sich die kleine Szene weit über eine private Erinnerung hinaus.

Die vier Sequenzen von Gedanken im September lassen sich wie kleine Steine lesen, die jemand auf einem Weg abgelegt hat. Nicht, damit wir schneller ans Ziel gelangen. Eher, damit wir unterwegs genauer hinsehen. Welken. Regen. Vogelstimmen. Lippen. Augen. Fenster. Mond. Hände. Haar. Morgen. Abend. Ein Gegenstand, ein Bild, eine Wahrnehmung führt zur nächsten. Das Gedicht schreitet nicht argumentierend voran. Es tastet. Und so wird die äußere Wanderung immer stärker zu einer inneren. Ein Nachsinnen. Ein Spekulieren. Ein Erinnern. Ein tieferes Sehen, das keineswegs nur Schönheit entdeckt.

Denn unter den zarten Naturbildern läuft von Anfang an eine zweite Bewegung mit: Alles vergeht. Der Sommer. Der Morgen. Der Tag. Die Berührung. Der Mensch. Gerade weil Horschig diesen Gedanken niemals ausspricht, gewinnt er seine Kraft.

In der letzten Sequenz kommen Natur, Körper und Zeit endgültig zusammen:

dem Mond nach
wiegen deine Hände,
gaben Lippen das Licht
nur weicher zurück

Das Licht berührt die Lippen, die Lippen geben es verändert zurück. Hände folgen dem Mond. Das Haar des einen wird vom anderen getragen. Für einen Augenblick scheint Nähe selbst eine Möglichkeit zu sein, die Flüchtigkeit der Welt aufzuhalten. Aber natürlich hält sie nichts auf. Der Morgen beginnt den Tag. So leichtes Spiel. Dann wird es Abend. Und plötzlich bekommt die ganze bisherige Zartheit ein anderes Gewicht:

schwerer nun liegt der Abend,
so lege zu ihm deine Augen, um nicht
die meinen zu schaun

Das trifft leise. Gerade deshalb trifft es tief. Keine große Geste des Abschieds. Keine Erklärung. Kein Pathos. Nur zwei Menschen und ein Blick, der nicht stattfinden soll. Und darin liegt für mich die schönste und schmerzlichste Bewegung dieses Gedichts. Die Augen des geliebten Menschen haben uns zuvor geholfen, die Welt zu sehen. Nun werden sie auch gebraucht, um etwas nicht sehen zu müssen. Die eigenen Augen. Das eigene Wissen. Das, was der September längst wusste. Dass Nähe den Augenblick nicht unvergänglich macht. Dass Liebe Zeit nicht besiegt. Dass auch der schönste Morgen den Abend bereits in sich trägt.

Und dennoch liegt darin keine Absage an das Leben. Im Gegenteil. Gerade weil der Augenblick vergeht, wird seine Wahrnehmung kostbar. Hände, Lippen, Haar, Licht – nichts davon wird zum Symbol einer großen Wahrheit aufgeblasen. Es darf für einen Moment einfach da sein. Vielleicht ist das die stille Bewegung dieser Gedanken im September: Sie gehen durch eine Welt, die verschwindet, während sie betrachtet wird. Sie sammeln keine Gewissheiten. Sie legen kleine Steine. Einen nach dem anderen. Und irgendwann liegt da ein Weg. Nicht aus dem Vergänglichen hinaus. Mitten hindurch.


Clemens Josef Horschig wurde 1990 in Sebnitz, Sächsische Schweiz, geboren. Er studierte von 2012-2016 Germanistik, Philosophie und Theologie. Während des Studiums sowie auf ausgedehnten Reisen zu Fuß begann er, Gedichte zu schreiben. Er absolvierte seit 2017 eine Ausbildung zum Tischler und arbeitet heute als selbstständiger Tischlermeister.



Kommentar verfassen