Jan Schoepe: Haikoides / Philologin i.R.

Vom stillen Ton zur frühphrygischen Gemüseküche

Haikoides

Stiller Ton erklingt
Fledermaus flink schwingt
Grüner Frosch versinkt

Knall im leeren Raum
Blind jagen Kulturen sich
Farblos zerbricht Licht

Heiligkeit scheint hell
Wo Macht rafft, zerstört
Völkerrecht zerbricht


Philologin i.R.

Früher begrüßte
Frau Lydia,
spürbar begründet,
fürwahr lügende,
sparsam lüsternde
lydische Lyrik
über
grünende Hülsenfrüchte
frühphrygisch-versüßter
Gemüseküche.


Resonanz

Gedichte brauchen bekanntlich wenig Platz. Das ist für die Gegenwart insofern praktisch, als diese ohnehin kaum noch über eine nennenswerte Aufmerksamkeitsspanne verfügt.

Jan Schoepe macht aus der Not allerdings keine Social-Media-Tugend. Seine Haikoides versuchen etwas anderes: Verdichtung bis an jene Stelle, an der zwischen wenigen Wörtern plötzlich sehr viel Welt Platz findet. Schon der Titel stellt klar, dass hier niemand mit Silbenzählgerät und japanologischer Dienstvorschrift am Schreibtisch gesessen hat. Haikoides. Nicht Haikus. Das kleine Suffix -oid schafft Abstand: haikuähnlich, haikuartig, dem Haiku verwandt. Jan Schoepe nimmt sich die Freiheit, eine traditionsreiche lyrische Kurzform nicht nachzubauen, sondern ihre Idee aufzunehmen: wenige Zeilen, äußerste Konzentration, ein Augenblick, ein Bild, eine Bewegung. Und jene Leerstelle, in der das Lesen weiterarbeiten muss.

Das erste Haikoid scheint dieser Herkunft noch am nächsten:

Stiller Ton erklingt
Fledermaus flink schwingt
Grüner Frosch versinkt

Ton, Tier, Farbe, Bewegung. Etwas erklingt und ist zugleich still. Etwas schwingt durch die Luft. Etwas anderes verschwindet. Fast könnte man sich in Sicherheit wiegen: Naturlyrik, Fledermaus, Frosch. Alles ordnungsgemäß vorhanden. Der wachsame Japanologe hätte bereits die entsprechende Schublade geöffnet. Doch schon die paradoxe Eröffnung – der stille Ton, der erklingt – macht Wahrnehmung unsicher. Und das Versinken am Ende lässt aus der kleinen Naturbeobachtung eine Bewegung des Verschwindens werden.

Danach ist es mit der Beschaulichkeit ohnehin vorbei:

Knall im leeren Raum
Blind jagen Kulturen sich
Farblos zerbricht Licht

Plötzlich steht die Weltgeschichte in drei Zeilen. Der Knall trifft auf Leere, Kulturen jagen einander blind, selbst das Licht – jenes alte Bild für Erkenntnis, Hoffnung, Sichtbarkeit – zerbricht und verliert dabei die Farbe.

Bemerkenswert ist, wie wenig bei all dem erklärt werden muss. Kein Land wird genannt. Kein Krieg. Keine Schuldzuweisung. Keine Nachrichtensendung in Versform. Stattdessen stehen wenige harte Bildsetzungen nebeneinander und erzeugen gerade durch ihre Unbestimmtheit einen Raum, in den sehr verschiedene Erfahrungen unserer Gegenwart eintreten können.

Im dritten Text wird dieser Raum ausdrücklich politisch:

Heiligkeit scheint hell
Wo Macht rafft, zerstört
Völkerrecht zerbricht

Nun ist das Zerbrechen nicht mehr nur Bild. Es hat einen Namen bekommen: Völkerrecht. Ein mächtiges Wort, geradezu erdrückend, obgleich wir natürlich wissen, wie oft es in unserer Zeit verletzt wird. Poetologisch geschieht etwas Interessantes: Ein Wort aus politischer und juristischer Sprache tritt in die lyrische Miniatur ein. Es ist sperrig. Das soll und muss es auch sein. Denn zwischen Heiligkeit und Macht, Schein und Zerstörung steht plötzlich jene menschliche Vereinbarung, die Gewalt begrenzen soll und selbst so zerbrechlich ist, weil Autokraten und Diktatoren sich nicht darum scheren und die vermeintlich freie Welt ohnmächtig davor steht.

Dreimal also Bewegung. Erklingen, schwingen, versinken. Jagen, zerbrechen. Raffen, zerstören, und wiederum: zerbrechen. Das Haikuartige ist hier kein dekorativer Minimalismus. Die Verknappung erhöht den Druck. Am Ende bleibt wenig Sprache übrig. Und ziemlich viel bedrohliche Unruhe.

Nach Völkerrecht und Weltzerbrechen braucht der Mensch bekanntlich Erholung, aber noch mehr: Ironie. Welch ein Glück, dass uns neben den „nützlichen“ Disziplinen so etwas wie die (angeblich) brotlose Philologie geschenkt wurde, die Liebe zum Wort.

Dankbar nehmen wir also zur Kenntnis, dass uns Jan Schoepe die Philologin i.R. zur Seite gestellt hat. Sie befindet sich, zumindest äußerlich, im Ruhestand. Was sich, wie das Gedicht zeigt, keineswegs auf die Sprache bezieht, denn die lässt sich trotz abgelaufener Dienstzeit nicht in Rente schicken. Sie erfreut sich einer ausgesprochen munteren Erwerbstätigkeit.

Dabei muss man dieses Gedicht unbedingt zunächst einmal laut lesen. Lydia – lügende – lüsternde – lydische Lyrik. Die Sprache schiebt sich genüsslich selbst durch den Mund. Bedeutung wird von Klang verfolgt, eingeholt und stellenweise überholt. Und gerade wenn man glaubt, der philologische Gegenstand könne nun kaum noch fachgerechter werden, kommt: grünende Hülsenfrüchte. Selbstverständlich. Was sonst. Aber Jan Schoepe kennt kein Erbarmen. Diese Hülsenfrüchte gehören nämlich einer frühphrygisch-versüßten Gemüseküche. Spätestens hier sollte jede seriöse Literaturwissenschaftlerin kurz überprüfen, ob sie wirklich pensioniert ist.

Das Gedicht betreibt ein herrliches Spiel mit Gelehrsamkeit als Klangmaterial. Lydisch und phrygisch tragen selbstverständlich historische und kulturelle Bedeutungsschichten mit sich herum, aber der Text verweigert ihnen die würdevolle Behandlung, die solche Begriffe gewöhnlich erwarten dürfen. Er schickt sie in die Küche. Dort treffen sie Hülsenfrüchte. Das tut ihnen gut. Überhaupt scheint Philologin i.R. eine kleine boshafte Versuchsanordnung darüber zu sein, was geschieht, wenn Sprache ihre wissenschaftliche Beaufsichtigung abschüttelt: Sie alliteriert, kokettiert, lügt, lüstert und begrünt sich.

Und irgendwann steht die gesamte abendländische Bildungsgeschichte möglicherweise vor einem Topf frühphrygisch versüßter Linsen. Ich möchte als Philologe, der ich (meist nebenbei) ja auch bin, anmerken, dass dies nicht die schlechteste Verwendung der abendländischen Bildungsgeschichte wäre.

So verschieden Haikoides und Philologin i.R. zunächst wirken, verbindet sie Jan Schoepes Freude an der kleinen Form. Nur arbeitet die Verdichtung in entgegengesetzte Richtungen. In den Haikoides wird Sprache reduziert, bis wenige Bilder ein erstaunliches Gewicht tragen. Naturwahrnehmung öffnet sich in politische und existentielle Bedrohung; das einzelne Wort muss plötzlich sehr viel aushalten. In Philologin i.R. dagegen wird das Wort selbst zum Ereignis. Klang produziert Klang, Assoziation stolpert über Assoziation, Gelehrsamkeit verliert ihre Krawatte und entdeckt die Hülsenfrucht (und mit ihnen vielleicht jene bekannte digestiv-flatulierende Wirkung).

Beides erinnert daran, dass lyrische Miniaturen keineswegs kleine Gedichte im Sinne verkleinerter großer Gedichte sind. Sie funktionieren anders. Sie setzen unter Druck. Sie lassen aus. Sie vertrauen darauf, dass zwischen wenigen Wörtern genügend Raum bleibt, damit etwas geschehen kann. Manchmal Welt; wenn es nottut, auch Völkerrecht, oder eben ‚einfach‘ die Natur, die im Bild der Fledermaus allerdings auch sehr hübsch kopfstehend baumeln kann. Und wenn die Literaturgeschichte einen besonders guten Tag hat, lädt sie uns ein in die frühphrygisch-versüßte Gemüseküche.

Auch dafür wurde die Lyrik erfunden. 😉

Stefan Plasa


Jan Schoepe lebt bei Hamburg, ist Pädagoge, Naturwissenschaftler, Schachspieler, Fotograf und Autor.



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