Diana Jahr: gehwege|gehege

Lyrische Wortgänge der besonderen Art

gehwege|gehege

ich lasse dich
meine gedanken passieren
wenn ich schreibe
von feuer und eis
und vom apfel
den ich heute aß
gebacken mit wortschmelz
und weltschmerz
im garten sprießt der wind
mit dem ersten krokus
um die wette
lauf ich mit dir
schon lange nicht mehr
wir wettern nicht
wir lassen uns
treiben
durch wortgänge
und verschaffen uns gehör
bei den pferden
unter den bäumen
sagst du
rasten ideen
einer unbeschriebenen erde


Resonanz

‚Einladungen‘ an den Leser von Gedichten mögen uns beispielsweise aus T. S. Eliots The Lovesong of J. Alfred Prufrock (Let us go then, you and I, when the evening is spread out against the sky…) oder auch – etwas verschlüsselter – aus Charles Baudelaires Au lecteur bekannt sein. So oder so (und angesichts eines ausgeprägten Hangs zeitgenössischer Lyrik zur ausgestellten Modernität): Der außerordentliche Wert literarischer Traditionen für wirklich eigenständige neue Texte kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Diana Jahrs Lyrik verdient auch vor diesem Hintergrund mehr Beachtung.

ich lasse dich / meine gedanken passieren – Das ist eine ungewöhnlich intime Einladung, mit der ihr Gedicht gehwege|gehege beginnt. Nicht: Ich erzähle dir, was ich denke. Nicht einmal: Ich zeige dir meine Gedanken. Dafür: Ich lasse dich passieren.

Da öffnet jemand einen Durchgang. Und sofort gerät etwas in Bewegung, das für Diana Jahrs Lyrik charakteristisch ist: Gedanken werden nicht festgestellt, sondern durchlaufen; Wörter berühren einander, verändern ihre Richtung, ziehen andere Wörter nach sich. Schreiben wird zu einer Form von Bewegung, Lesen ebenso. Wer dieses Gedicht betritt, bleibt nicht vor einem lyrischen Ich stehen und betrachtet dessen Innenleben. Man wird hineingelassen.

Das ist eine bemerkenswerte Form poetischer Intimität. Denn natürlich bedeutet Lyrik immer auch Preisgabe. Jemand schreibt etwas nieder, das zuvor nicht öffentlich war: Wahrnehmungen, Empfindungen, Verletzungen, Erinnerungen, jene kaum voneinander zu trennenden Gedanken-Gefühls-Komplexe, die erst im Schreiben eine Form finden.

Bei Diana Jahr wird daraus jedoch keine Bekenntnislyrik. Das Private wird nicht ausgestellt. Es beginnt vielmehr, sich in Sprache zu verwandeln und nimmt den Leser auf seinem Weg mit.

Schon wenige Zeilen später liegen Feuer und Eis neben einem Apfel, der heute gegessen wurde. Großes und Kleines. Elementares und Alltägliches. Und der Apfel kommt nicht einfach auf den Tisch, sondern wurde

gebacken mit wortschmelz
und weltschmerz

Man kann über diese beiden Wörter lächeln. Man sollte es vielleicht sogar. Denn gerade der leichte sprachliche Übermut bewahrt den Weltschmerz davor, schwer und bedeutungssatt im Gedicht herumzustehen. Wortschmelz nimmt ihn mit. Die Sprache beginnt zu fließen. Und draußen antwortet bereits die Welt:

im garten sprießt der wind
mit dem ersten krokus
um die wette

Der Wind sprießt. Natürlich tut er das nicht. Und plötzlich tut er es doch. Diana Jahrs Bildlichkeit besitzt häufig diese eigentümliche Fähigkeit, Natur nicht lediglich zu beschreiben, sondern die Ordnungen unserer Wahrnehmung für einen Augenblick gegeneinander zu verschieben. Wind, Pflanze, Wachstum, Bewegung geraten ineinander. Man weiß sofort, was gemeint sein könnte und könnte es zugleich kaum in einen prosaischen Satz zurückübersetzen, ohne das Entscheidende zu verlieren.

Dann kippt das Bild wieder ins Zwischenmenschliche:

lauf ich mit dir
schon lange nicht mehr

Ein kleiner Satz. Und ein Riss. Wer dieses Du ist, erfahren wir nicht. Was zwischen Ich und Du geschehen ist, ebenso wenig. Das Gedicht erklärt seinen Verlust nicht. Es lässt ihn stehen. Doch aus dem Nicht-mehr-Miteinander-Laufen entsteht keine große Abschiedsgeste:

wir wettern nicht
wir lassen uns
treiben

Wieder setzt sich die Sprache selbst in Bewegung: Witterung – wettern – treiben. Die Wörter scheinen einander weiterzureichen, was sie gerade gefunden haben. Klang erzeugt Gedanken, Gedanken erzeugen Bewegung. Darin liegt für mich eine der großen Qualitäten von Diana Jahrs Schreiben: Diese Gedichte scheinen nicht auf ein zuvor festgelegtes Ziel zuzusteuern. Sie mäandern. Sie verknoten und entknoten sich, nehmen eine Abzweigung, stoßen auf ein Wort, lassen sich von dessen Klang weitertragen. Und: nehmen uns mit. Nicht hinaus aus der Welt, sondern tiefer hinein. Denn diese „Wortgänge“ sind keine Fluchtwege.

durch wortgänge
und verschaffen uns gehör

Das ist beinahe eine kleine Poetik: Schreiben als Gang durch Sprache, Lesen als Mitgehen. Und irgendwo darin der Versuch, Gehör zu finden: füreinander, für das kaum Sagbare, womöglich auch für etwas, das außerhalb unserer menschlichen Stimmen liegt. Denn nun erreicht das Gedicht seinen stillsten und für mich stärksten Ort:

bei den pferden
unter den bäumen
sagst du
rasten ideen
einer unbeschriebenen erde

Hier wird das Gedicht plötzlich sehr weit. Ideen einer unbeschriebenen Erde. Was für eine zarte, und bei längerem Hinsehen/Hinhören erschütternde, Vorstellung. Unbeschrieben kann heißen: noch offen, noch nicht festgelegt, noch nicht mit unseren Begriffen, Grenzen, Besitzansprüchen und Erzählungen bedeckt. Es kann aber auch heißen: von uns noch immer nicht gelesen. Wir leben auf dieser Erde. Sie trägt uns, ernährt uns, beherbergt uns. Wir vermessen sie, benennen sie, bebauen sie, teilen sie ein, beuten sie aus, beschreiben sie seit Jahrtausenden. Und womöglich wissen wir trotzdem erschreckend wenig von ihr. Bei den Pferden. Unter den Bäumen. Dort „rasten“ diese Ideen. Nicht der Mensch hat sie. Nicht einmal das Gedicht besitzt sie. Sie liegen irgendwo in einer Welt, die auch ohne uns Bedeutung trägt.

Gerade deshalb berührt mich dieses Ende so sehr. Nach all dem Sprachfluss, nach Wortschmelz, Weltschmerz und Wortgängen endet das Gedicht ausgerechnet bei etwas Unbeschriebenem. Die Sprache führt an ihre eigene Grenze. Und bleibt dort stehen. Unter Bäumen. Bei Pferden. Auf einer Erde, die wir zu kennen glauben und der wir zugleich auf erschreckende Weise fremd geworden sind.

Diana Jahrs Lyrik vertraut der Bewegung des Gedankens, ohne ihn festzuschreiben. Ihre Bilder sind fein, aber keineswegs bloß schön; unter ihrer Leichtigkeit liegen Verlust, Zeit, Fremdheit, Gefährdung. Wörter fließen ineinander, Klänge öffnen neue Gedankenräume, Alltägliches berührt Existentielles, ohne dass das eine das andere mit Bedeutung beschwert.

Man geht mit. Man wird mitgenommen. Und manchmal steht man am Ende eines solchen Gedichts an einem Ort, von dem man vorher nicht wusste, dass man zu ihm unterwegs war. In gehwege|gehege ist es eine unbeschriebene Erde. Das Gedicht beschreibt sie nicht. Es lässt uns vor ihr stehen. Und nun sind möglicherweise wir an der Reihe, uns dazu unsere Gedanken zu machen oder etwas dazu zu sagen oder zu schreiben…

Stefan Plasa


Diana Jahr, *1970, aufgewachsen in Dortmund, eine Tochter, verheiratet, lebt heute im Westerwald.
Sie ist Lyrikerin, Autorin und Herausgeberin mit eigenem Blog: https://versspruenge.wordpress.com/ Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (z.B. Federwelt, Wortschau, Dichtungsring) und Anthologien.
Diana Jahr gewann 2019 den 1. Platz Lyrik beim 7. Kempener-Literaturwettbewerb. Sie ist Gewinnerin des SternenBlick-Lyrikpreises 2023.
Zuletzt erschien ihr Lyrikband in der stille | werden wir durstig sein, lyrische betrachtungen im Schillo-Verlag 2025.



2 Antworten zu „Diana Jahr: gehwege|gehege“

  1. wow, ganz lieben dank für die ausführlichen anregenden gedanken dazu, lieber stefan, das freut mich wirklich sehr! mit herzlichem gruß, diana

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    1. Sehr, sehr gerne! Du bist eine ganz tolle Lyrikerin. 🙂

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