mo.rph fährt zur Messe. Und nimmt Gedichte mit…

Drei Wochen Stille, eine Buchmesse und ziemlich viele Stimmen, die gehört werden wollen

Es war etwas still hier. Drei Wochen lang sogar. Für ein Journal, das sich der Lyrik, Poetik und poetischen Gegenwart verschrieben hat, lässt sich das selbstverständlich mühelos als ästhetische Entscheidung verkaufen. Stille. Leerstelle. Erwartung. Man könnte etwas abgehoben von einer kuratierten publizistischen Absenz sprechen. Das Wort Pause – an sich sehr treffend – genügt an der Stelle auch. Denn während mo.rph ein wenig geschwiegen hat, sammelten sich im Briefkasten Texte. Gedichte kamen an. Neue Stimmen meldeten sich, bekannte Stimmen schickten Neues. Es wurde gelesen, wiedergelesen, ausgewählt, beiseitegelegt, wieder hervorgeholt. Und nun ist ein guter Augenblick, die Fenster wieder weit zu öffnen.

Denn Frankfurt ruft, und die Buchwelt stellt sich aus. In wenigen Tagen beginnt die Frankfurter Buchmesse, und für eine Woche richtet sich eine Aufmerksamkeit auf Bücher, die ihnen während des übrigen Jahres nicht immer zuverlässig zuteilwird. Plötzlich wird gesprochen, empfohlen, ausgezeichnet, fotografiert, interviewt, gestreamt und vermutlich auch wieder einiges zum „wichtigsten Buch des Herbstes“ erklärt werden. Der Herbst ist diesbezüglich außerordentlich belastbar.

Mittendrin stehen die unabhängigen Verlage. Kleine Häuser, die Bücher machen, weil sie an Texte glauben, nicht weil eine Marktanalyse zweihunderttausend verkaufte Exemplare in Aussicht gestellt hat. Verlegerinnen und Verleger, die lesen, auswählen, lektorieren, gestalten, drucken, verschicken, Veranstaltungen organisieren und anschließend gelegentlich feststellen müssen, dass Sichtbarkeit eine bemerkenswert teure Maßeinheit geworden ist.

Zwischen all dem steht die Lyrik. Sie winkt vom Rand. Man sieht sie nicht sofort. Aber das ist sie gewohnt. Lyrik gehört weiterhin zu den eigentümlichen Randerscheinungen eines Literaturbetriebs, dessen Aufmerksamkeit nicht notwendig proportional zur literarischen Qualität verteilt wird (um es sehr höflich zu formulieren).

Aber gerade deshalb freue ich mich sehr, in diesem Jahr selbst in Frankfurt dabei zu sein, mit dem Empathie Verlag und meinem ersten Gedichtband Echo. ohne Mund. Am Freitag, 9. Oktober, um 12.30 Uhr lese und spreche ich auf dem Podium Rheinland-Pfalz, Halle 3.0, Stand E133. Ein kleiner Lyrikband fährt also zur größten Buchmesse der Welt. Wir werden sehen, wie er sich benimmt…

Mindestens ebenso wichtig wie die eigene Lesung ist mir dort jedoch etwas anderes: Menschen zu begegnen, Menschen, die Bücher machen, übersetzen, vermitteln, verkaufen oder einfach nur lieben. Und natürlich möchte ich von mo.rph erzählen. Von einem kleinen Journal, das vor noch nicht allzu langer Zeit begonnen hat, lyrische Stimmen zusammenzubringen und inzwischen erfreulich wenig Bereitschaft zeigt, klein zu bleiben. Es wird sogar schon von kommenden Anthologien geraunt…

Die vergangenen Wochen haben mir etwas sehr Schönes beschert: Texte. Viele Texte. Autorinnen und Autoren haben Gedichte eingesandt, manche zum ersten Mal. Andere sind bereits mit mehreren Arbeiten bei mo.rph vertreten. Dazu kamen Gespräche, Hinweise, Bücher und neue Kontakte. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Wer einen unveröffentlichten Text aus der Hand gibt, gibt etwas preis. Wer ihn einem noch jungen Journal anvertraut, tut dies in der Hoffnung, dass dort aufmerksam gelesen wird.

Für dieses Vertrauen möchte ich danken. Und deshalb gehört die kommende Woche nicht nur Frankfurt. Sie gehört vor allem den Stimmen. Während der gesamten kommenden Woche wird mo.rph täglich mindestens eine lyrische Stimme vorstellen: mit Gedichten, Resonanzen, Entdeckungen und kleinen Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Formen gegenwärtigen Schreibens.

Den Anfang machen heute Diana Jahr und Jan Schoepe. Danach wird weitergelesen. Ohne Rangliste. Ohne „Die zehn Gedichte, die Sie diesen Herbst unbedingt gelesen haben müssen“. Ohne Sterne. Und ganz besonders: ohne Algorithmus. Ein Gedicht nach dem anderen…

Als mo.rph vor einigen Monaten begann, stand eine einfache Idee dahinter: einen Ort zu schaffen, an dem Lyrik nicht behandelt wird wie ein empfindliches Spezialpräparat für eine kleine Gruppe entsprechend ausgebildeter Fachkräfte. Vielmehr beruhte das Ganze auf der Überzeugung, dass Gedichte gelesen werden dürfen, dass sie irritieren und berühren dürfen und dass sie sogar scheitern dürfen und mitunter auch Widerspruch erzeugen. Und vor allem: Sie dürfen nebeneinanderstehen, obwohl ihre Poetiken nichts miteinander gemein haben.

Gerade die Einsendungen der vergangenen Wochen zeigen, wie verschieden Menschen heute schreiben. Leise und laut, konzentriert und erzählerisch, experimentell und unmittelbar, jung und alt, erfahren und tastend. Nicht jeder Text muss jedem gefallen. Gott bewahre. Das wäre vermutlich das Ende der Literatur. Aber jeder ernsthafte Versuch, Erfahrung in Sprache zu verwandeln, verdient zunächst eines: achtsames, aufmerksames Lesen sowie Wertschätzung.

Ich danke allen Autorinnen und Autoren, die Texte geschickt, Beiträge geteilt, weiterempfohlen, gelesen, kommentiert und dieses noch junge Projekt unterstützt haben. Wir haben, wie ich finde, etwas sehr Wertvolles gemeinsam, das sich nicht nach Reichweite und ‚Content‘ oder gar ‚Engagement Rates‘ bemisst: die Begeisterung für Literatur.

Und als wäre eine Buchmesse allein nicht genügend Aufregung für eine Woche, wird am 8. Oktober außerdem bekanntgegeben, wer in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhält. mo.rph wird sich selbstverständlich bemühen, diese Nachricht mit jener souveränen Gelassenheit entgegenzunehmen, die man von einem unabhängigen Lyrikjournal erwarten darf. Also ungefähr drei Minuten. Danach muss etwas dazu gesagt sein dürfen. Wir sind gespannt…

Wer in dieser Woche auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs ist, darf mir sehr gern schreiben. Vielleicht gelingt zwischen Hallen, Büchern, Kaffee, Messetaschen und der spätestens am Nachmittag einsetzenden Überzeugung, niemals wieder eine Messehalle betreten zu wollen, auch ein persönliches Kennenlernen. Ich würde mich freuen.

Und bis dahin machen wir hier das, wofür mo.rph einmal entstanden ist: Wir lesen, hören hin, geben Gedichten Raum.

Euch allen einen schönen Sonntag, an dem vielleicht die eine oder andere Zeile entsteht.

Euer Stefan Plasa



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