Wer sieht hier eigentlich wen? | Michaela Thunemann: Augenschiffe

Michaela Thunemann: Augenschiffe

In den Zeiten unserer Ehe, in denen meinen Mann und ich uns füreinander verloren glauben, in den schweigsamen Zeiten, in denen wir einander aufgeben, fällt mein Blick manchmal auf das Poster der ersten Ausstellung, die wir miteinander besucht haben. Eine nackte, alternde Frau steht mit trotzigem Blick, aber gelassen und selbstbewusst über einem Moped, bereit für die rasante Fahrt. Maria Lassnig. Ob das Bild uns beiden gleichermaßen viel bedeutet, ist mir nicht bekannt, ich habe meinen Mann nicht gefragt, denn er spricht nicht gerne über Gefühle. Noch kann er es nicht, er kann aber besser als ich in den Momenten etwas empfinden, wenn es darauf ankommt. Wenn sich das Schweigen zwischen uns sehr ausdehnt, besuchen wir gerne eine Ausstellung. Das Betrachten der Bilder bringt uns wieder in Kontakt, wir durchschreiten Turners gesammelte Werke, als wären wir milliardenschwere Sammler, wir kaufen im Geiste die Bilder, die uns ansprechen, ohne lange zu diskutieren.

Ich sage dann: „Das dort!“ Er antwortet: „Nicht meins.“

Oder ich sage: „Das ist nichts für mich.“ Und er entgegnet: „Aber hat was.“

Wir lesen nicht lange, wir sind sehr instinktiv in unserem Zugang und dann können wir uns wunderbar darüber streiten, was Kunst ist.

„Aber wenn ich jetzt einfach einen schwarzen Punkt auf ein weißes Blatt malen würde, wäre das Kunst?“, fragt mein Mann. Er ist Techniker, rational. Wenn er traurig ist, räumt er etwas auf.

„Ist das dann auch Kunst?“, beharrt er auf seiner Frage. Und ich sage: „Kommt darauf an.“

„Worauf kommt es denn an?“, fragt er zurück und schon streiten wir uns so lange, bis das Schweigen zwischen uns wieder zerbröckelt ist. Heute ist das Schweigen aber lauter als sonst, denn auf dem Weg zu einer Ausstellung zeigen sich die Rollen, die wir in all den Jahren miteinander immer wieder einnehmen. Deshalb schweigen wir uns an bis zum Eingang.

Unten in der Umkleide vor den Schließfächern des Kunstmuseums fällt uns eine junge Frau auf. Sie trägt einen großen, prall gefüllten Rucksack auf dem Rücken und einige Tüten in der Hand. Vor ihr steht eine Art Kinderwagen mit geschlossenem Netzvisier, in dem sich eine Katze befindet. Die maunzt und sieht durch die Lücken des Gitters betrachtet etwas verunsichert aus. Die Frau hantiert hektisch an der großen Gepäckschublade herum. Ich frage, ob sie Hilfe brauche, aber sie entgegnet, dass sie nicht ohne ihren Rucksack sein könne. „Mit der Katze dürfen Sie ohnehin nicht in die Ausstellung, oder?“, frage ich die junge Frau. „Warum?“, entgegnet sie, „da steht doch nur ‚keine Hunde‘ auf dem Schild.“ „Stimmt“, antworte ich, da haben Sie recht.“ Etwas in mir nimmt ihre Unruhe und Nervosität auf. „Was gibt es in der Ausstellung zu sehen?“, fragt sie mich leicht gepresst. „Hmm, ich denke Warhol und Pope L. und Cy Twombly und so. Gegenwartskunst, zweite Hälfte zwanzigstes Jahrhundert.“ Es stört mich, dass mir wieder nur männliche Künstler einfallen, aber die junge Dame sagt: „Ah, interessant, aber mit dem Rucksack kann ich nicht rein.“ Dann wühlt sie weiter in ihren Tüten und Sachen. Es ist kalter Winter und ich beginne zu ahnen, dass sie sich hier aufwärmt. Sie und ihre Katze sehen fast wie die anderen Besuchenden aus, wenn die Frau ein paar Plastiktüten weniger hätte. Die beiden überbrücken die kalten Tage in diesem Umkleidekeller. Wenn sie nicht so sehr an ihren Rucksack gebunden wäre und Geld für den Spind hätte, könnten sie den Keller verlassen und das erste, was sie beide sehen würden, wäre das Bild „Cat Walking Under A Disambigious Trash Cloud“ (2017) von Nicole Eisenmann (1965). Eine kleine, auch sehr verunsichert wirkende Katze geht unter einer Müllwolke herum. Das zweite Mal an diesem Tag, dass ich eine Katze sehe und ich denke, davon hätte ich der jungen Frau erzählen müssen, aber ihre leichte Gereiztheit hat mich nervös gemacht. Sie ist sicher erschöpft und müde von einem Leben, das sie in die Kälte und Unbehaustheit zwingt und dazu, etwas vorzugeben, nur um nicht frieren zu müssen. Die Katze auf dem Bild unter einer Wolke aus Müll sieht mich traurig an. Eigentlich könnte ich noch einmal in den Keller gehen, versuchen, der Frau das Pfand für den Gepäckspind zu geben, aber sie hat nicht den Eindruck gemacht, als würde sie es schätzen, in diese Situation gebracht zu werden. Sie möchte sich vielleicht fühlen wie die anderen im Keller. Kunstinteressierte Menschen, die sich auf eine Ausstellung vorbereiten. Aber wo ist mein Mann? Ich suche ihn und dann bin ich schon am Bild der Katze vorbei und stehe vor einem beruhigenden Twombly, eine Art schiefergraue Wand, in der mit Kreide Wellenlinien eingezeichnet scheinen. Ich denke an Meer und daran, dass jemand anderes in diesen Linien wohl auch etwas ganz anderes sehen würde und während ich das tue, habe ich die Frau wieder vergessen. Sie fällt mir auch nicht mehr ein, als ich das Video „ATM Piece“ der Performance von Pope L. sehe. Es ist ein Video davon, wie der Künstler sich vor einer New Yorker Bank mit einer Wurstkette an die Banktür fesselt, vor einem Bankautomaten, nur bekleidet mit Dollarscheinen und Schuhen. Um gegen das Verbot seitens der kommunalen Behörden zu protestieren, das Obdachlosen untersagt, vor Bankautomaten zu schlafen oder sich dort aufzuhalten, verteilt der angekettete Künstler Dollarscheine an die Passanten, aber die Polizei lässt nicht lange auf sich warten. Wir saturierten Bildungsbürger aus warmen Verhältnissen glucksen vor dem Video, voll Sympathie für den Künstler, aber ich denke dabei nicht mehr an die Frau im Keller. Sich im Bereich der Kunstrezeption kurz liberal-links zu fühlen, aber ansonsten keinen oder einen sehr geringen Beitrag zu einer egalitären Gesellschaft zu leisten, ist das, was uns Betrachtende hier wohl verbindet. Ich gehe weiter durch einen großen Raum voller „Roses“, gewaltiger Farbeexplosionen in Rosengestalt, wieder von Twombly, und hier muss ich an meinen Sohn denken. Er ist fast zwölf und war unlängst in einer Ausstellung vor einem von Twomblys Bildern zutiefst frustriert und wütend stehengeblieben. „Ich gehe nicht mehr weiter, ich packe diesen Scheiß nicht mehr!“ „Was packst du nicht mehr?“, fragte ich ihn. „Wenn ich das malen würde, würde es niemanden gefallen, aber der darf einfach machen, was er will. Nur weil jemand gesagt hat, dass das toll ist, was der malt.“ „Ich finde es auch toll, was du malst,“ entgegnete ich ihm, aber ich konnte ihm nicht wirklich begreiflich machen, was es ist, das diese Bilder in mir auslösen. Der Minimalismus der Kreidestriche beruhigt mich, lässt mich etwas sehen, das ich liebe – wie zum Beispiel das Meer – obwohl eigentlich nur eine graue Fläche vor mir liegt. Die Rosen in ihrer kindlichen Grandezza sind wie eine frische Brise in meinem Gehirn, eine Ode an Farben und Lebensfreude, eine Ode an den expressiven Genuss des Schwungs mit Farbpinseln, an lange Stangen befestigt. Als würde ein Riese mit Riesenpinsel kichernd Blüten klecksen. Ich konnte es meinem Kind nicht begreiflich machen, aber das Gespräch war gut. Nun ist mein Kind nicht dabei. Hätten ihn die Rosen weniger verärgert? Mein Mann ist überrascht, als ich von Rosen spreche, er hatte ganz deutlich Kohlköpfe in den Bilder gesehen. Durch diesen großen Saal rollen zwei kleine Kinder am Boden, während die Mutter versucht, sich kurz einen Überblick zu verschaffen. Mit kleinen Kindern in eine Ausstellung zu gehen, ist nicht immer leicht, man kann sich nur schwer auf die Kunst konzentrieren. Aber mein Mann und ich kennen das Gefühl, dies trotz Kindern unbedingt zu müssen, um sich endlich wieder mit etwas anderem als Windeln und Krippenplatzsuche oder Mittelohrentzündungen zu befassen. Immer kurz bevor die Kleinen die schwarze Bodenlinie überqueren, ist die Mutter präsent, um sie von den Gemälden wegzuziehen. Ist sie nicht schnell genug, ermahnt ein junger Mann mit schwarzem Anzug und dem Emblem einer Securityfirma auf dem Revers die sich Balgenden. Diese jungen Männer stehen in allen Räumen, sie stehen an den Ecken, sie tragen die schwarzen Anzüge, sie überblicken ruhig die Lage oder haben einen starren, stoischen Blick. Ich beginne, sie zu beobachten, wie sie stehen und stehen – ein junger Mann versucht sich an eine Holzwand bei einer Tür anzulehnen, die nachgibt, woraufhin er erschreckt wieder starr und aufgerichtet stehenbleibt. Jeder Aufsehende hat einen Platz, von dem aus er Stunde um Stunde das Geschehen bewachen. Auch an der Ecke am Eingang zur nächsten großen Halle mit Twomblys Zyklus „Lepanto“ steht ein junger Mann im Anzug. Ich betrete den Raum fast wie eine sakrale Umgebung, denn die großformatigen Gemälde strahlen so viel Energie, Wucht und Lebendigkeit aus, dass es sich anfühlt, als würde ich in einem Farbenmeer baden. Da sehe ich den Jungen im Anzug sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagern. Ich beginne mich zu fragen, was er empfindet? Wie es sich anfühlt, hier zu stehen, Stunde um Stunde? Wird die Arbeit leichter durch die Kunst und die visuellen Reize? Dann müsste er die Gemälde mögen, um sich von ihnen gestützt zu fühlen. Mag er die Malerei, die ihn umgibt? Entspricht sie seinem Geschmack? Eine Runde drehe ich durch den Saal, um dann wie zufällig in seiner Nähe zu landen. Dann sage ich zu ihm „Hallo, darf ich Sie etwas fragen?“ Er ist zunächst kurz irritiert. Dann merke ich, dass er meine Frage nicht verstehen konnte. Ich stelle um: „Hallo, wie geht es Ihnen?“ „Danke, gut“, antwortet er mir. Er möchte nicht unhöflich sein. „Darf ich Sie etwas fragen?“, wiederhole ich meine Frage. Er denkt nach und nickt dann. „Wie gefallen ihnen die Bilder?“, frage ich ihn. Die Frage verwundert ihn. Er wiederholt sie. Dann sagt er: „Darüber denke ich nicht nach.“ Ich hake nach: „Ich habe mich gefragt, dass Sie hier lange Stunden stehen und ob das angenehmer ist mit den Bildern hier oder ob es ohne die Bilder angenehmer wäre?“

„Ich mag die Bilder nicht so, sie gefallen mir nicht“, antwortet er. Er hat also durchaus eine Meinung, wollte aber vielleicht erneut nicht unhöflich sein.

„Darf ich fragen, warum die Bilder Ihnen nicht gefallen?“, frage ich zurück.

„Wie von einem kleinen Kind! Die Bilder. Man kann nichts erkennen. Kein Gesicht. Kein Baum, kein Auto, nichts, nur Farbe, Linien.“

Ich stimme ihm zu. Er sagt nochmals: „Man kann nichts erkennen.“

In dem Moment beginne ich zu versuchen, etwas zu erkennen. Wir beide stehen nun nebeneinander an der Ecke, zwei Kunstinteressierte, die den Zyklus bewerten und wir lassen gemeinsam den Blick schweifen.

„Darf ich fragen, wie Sie heißen?“, frage ich nach links. „Ahmed“, entgegnet der junge Mann. „Ich heiße Micha“, antworte ich und dann schauen wir gemeinsam weiter durch den Raum. Wir sind Vertraute in dem Versuch, Ordnung in das expressive Farben- und Formenchaos zu bringen. Da sehe ich es: „Das sind umgedrehte Igel!“ sage ich zu Ahmed. „Sieh mal, die Stacheln unten am Körper. Vielleicht tote Igel!“

Wir beide kichern zusammen. Ahmed ist nun ein Junge und ich könnte seine Mutter sein, er entspannt sich und schaut noch genauer auf die Bilder. Ich gehe noch einmal durch den Raum und beginne, mehr zu erkennen. Da kommt kurz mein Mann bei uns vorbei und sagt: „Die umgedrehten Igel sind Augen, mit Wimpern.“ Und diese Bilder mit den Linien befinden sich zwischen Bildern, die mir vorkommen wie Mohnfelder. Ich kehre zu Ahmed zurück und berichte von meinen Ideen und von der Sichtweise meines Mannes. Ahmed kichert wieder, schaut sich die Bilder mit den angeblichen Mohnblumen an. Er sieht auch Blumen. Dann deutet er auf ein Bild mit Linien und erkennt in ihnen Schiffe. „Das sind Ruder, dort ein Segel, das sind Schiffe!“ Was sagt es über mich aus, dass ich tote, umgedrehte Igel sehe, was sagt es über meinen Mann aus, dass er Augen sieht. Was sagt es über Ahmed aus, dass er Schiffe sieht?

„Ahmed, ich möchte dich noch etwas fragen“, sage ich zu ihm. „Du bist hier viele Stunden und vielleicht musst du noch länger hier aufpassen. Meinst du, dass du, je länger du hier wärst, anfangen würdest, die Bilder zu mögen, als wären sie alte Freunde? Oder meinst du, die Umstände würden dich dazu zwingen, die Bilder zu lieben, so als würde man denjenigen lieben, der einen gefangen nimmt?“ Gefangensein in Umständen, denen man ausgeliefert ist– ich spüre, dass Ahmed bei dem Wort „gefangen“ sehr deutlich weiß, was ich sagen möchte. Aber ich komme mir auch vor, als würde ich ihn verletzen oder beschmutzen mit meinem Wissen, das in diesem Moment noch eine Ahnung ist. Ahmed arbeitet im Sicherheitsdienst als Person aus einem Drittstaat im Niedriglohnsektor. Die Arbeitszeiten sind häufig wechselnd, die Bezahlung mau, die soziale Absicherung gering. Ahmed ist noch sehr jung. Wenn er neben der Arbeit als Securityman noch an seinem sogenannten Humankapital arbeiten will, um nicht für immer als Aufpasser in einem Kunstmuseum gefangen zu sein, sondern vielleicht der Kurator desselben zu werden, dann hat er es schwerer als schwer. Bezüglich seines Anstellungsverhältnisses kann man nur hoffen, dass es sich nicht um komplizierte Subunternehmerstrukturen handelt, die oft zu ausbeuterischen Lohnstrukturen und Arbeitsbedingungen beitragen. Während wir so stehen, sagt mir Ahmed dann, dass er doch ein Lieblingsbild in der Ausstellung habe. Er mag gern „Cindy Johnson“ von Andy Warhol, denn darauf abgebildet ist eine schöne Frau. Ich ziehe los in den Nebenraum, um das Bild zu suchen, während Ahmed an der Ecke steht und mir dabei zusieht. Ich halte einen Daumen hoch, denn ich verstehe, warum Ahmed die Kombi der beiden Drucke, einer in Türkis, einer in Rot, gut gefällt. Wir lächeln uns über den Gang hin an. Ahmed legt seine Faust auf sein Herz, ein Gruß an mich. Ich tue es ihm gleich. Ich rufe ihm zu: „Gefällt mir!“ Dann gehe ich noch einmal zu ihm, wir geben uns die Hand. Ich stelle ihm noch meinen Mann vor und die beiden geben sich auch die Hand. Da kommt eine Kunsthistorikerin von der Kunstvermittlung zu uns und fragt, ob wir Bedarf nach Erklärungen zu den Werken haben. Wir drei sehen uns lächelnd an und ich sage ihr: „Lieben Dank, aber nein, uns macht es einfach Spaß, einfach so über die Bilder zu sprechen.“ Wir sind Sammler, die nach Instinkt ihre Bilder auswählen, wir sind Chefkuratoren unserer inneren Sammlung, die ganz ohne theoretischen Unterbau rein nach Gefühl zusammengestellt wird. Die Frage nach dem Igel und Augen und Schiffen lässt mich nicht los und Tage später recherchiere ich doch. Tatsächlich geht es bei „Lepanto“ um eine Seeschlacht. Die Linien sind Schiffe, die Blumenfelder sind wohl eher Einschläge von Geschossen und Feuer. Jetzt kann ich noch besser die Wucht der Farbgebung verstehen und stelle mir vor, wie der Maler die Farben auf die Leinwände feuert. In Moment in der Ausstellung nehme ich diese Wucht nur rein instinktiv auf.

Zum Abschied sage ich zu Ahmed: „Danke, dass ich mit dir sprechen konnte, mach’s gut Ahmed.“ „Mach’s gut, Micha,“ sagte er zu mir.

Mein Mann und ich ziehen weiter in das Untergeschoss zu den Videoinstallationen. Es ist dunkel und flimmerig, vor uns leuchtet ein gewaltiger Lichtkasten mit einem sehr präzisen Foto menschlicher Haut, mit kleinen Härchen, Verfärbungen, Narben, Muttermalen, einer Art Melanom. Ich verspüre ein Gefühl der Unlust, der Überforderung. Es muss die Haut eines alternden Menschen sein, etwas älter als ich. Da fällt mein Blick auf die Securitydame in diesem Stockwerk. Es ist eine Seniorin mit kurzen grauen Haaren. Sie ist sehr klein und wirkt zwischen all den großen Installationen zerbrechlich. Ich sehe, wie sie zu einem Klappstuhl geht, um sich zu setzen. Kurz denke ich an meine Mutter, mit der ich seit langer Zeit nicht mehr spreche. Sie, wie sie hätte sein sollen, fehlt mir immer stark, wenn ich ältere Frauen sehe. Ich schleiche mich an die Dame an. Beobachte sie und im richtigen Moment spreche ich sie an: „Guten Tag, darf ich Sie bitte etwas fragen?“ Sie wirkt erfreut und ist sofort bereit, sich auf ein Gespräch einzulassen.

„Wie ist es für Sie, hier auf die Kunst aufzupassen?“, frage ich die Dame.

„Wissen Sie, an Tagen wie heute, wenn die Leute alle ganz normal drauf sind, dann passt es schon“, antwortet sie mir.

„Wenn Sie hier unten sind, gibt es ein Kunstwerk, das Ihnen besonders zusagt?“, frage ich genauer.

„Also an sich ist es mir hier zu dunkel und die Sachen flimmern so und leuchten, das ist mir oft zu viel. Aber auf diesem Stockwerk darf ich mich immer wieder hinsetzen, das ist gut“, fasst die Dame ihre Sichtweise auf das Untergeschoss zusammen.

Wir beide sehen zusammen auf die Installation mit der leuchtenden Haut.

„Hm“, sagt die Dame.

„Hm“, sage ich, „das ist uns zwei schon direkt fast etwas zu viel, oder?“ Ich genieße wieder wie schon bei Ahmed den kurzen Moment der gemeinsamen Betrachtung.

Anscheinend findet die illuminierte Haut nicht unser beider Wohlgefallen, aber sie löst etwas in uns aus. Wir wissen wohl, dass es mit unserem eigenen Alterungsprozess zu tun hat, warum uns die Lichtinstallation auf eine unangenehme Art überfordert.

„Wenn nächste Woche Schichtwechsel ist, dann komm ich wieder rüber zu Beckmann und Klee, die mag ich am liebsten“, offenbart mir die Dame. Klees klare Formen und Linien sowie seine harmonischen Farbkompositionen wären für uns beide jetzt eine Wohltat.

„Oh, jetzt ist mir mein Mann davon, wo ist er denn hin?“, setzte ich zu einem kleinen Scherz an.

„Der taucht sicher wieder auf“, entgegnet sie. Wir kichern. Verlorene Männer muss man vielleicht mit Humor nehmen.

Haben wir vier, mein Mann, Ahmed, die Dame und ich im Moment des gemeinsamen Betrachtens ein rein „contemplatives Geschmacksurtheil“ im Sinne von Kants Kritik des Ästhetischen Urtheilsvermögens gefällt? Ging es uns nur um unser Gefühl von Lust oder Unlust im Hinblick auf das Objekt der Betrachtung? Lag uns zunächst nichts an der Sache, dem Kunstwerk, sondern mehr an uns selbst, den Subjekten der Betrachtung? Unser Urteil war ein Geschmacksurteil und blieb dies so lange, bis wir begannen, uns über das Kunstobjekt auszutauschen. Wir waren füreinander Fremde, bis das Interesse an anderen Sichtweisen mich motivierte, die beiden Menschen anzusprechen. Ab diesem Moment begann auch das Interesse am Erkenntnisgewinn zu wachsen. Im Gespräch über die Kunst begannen wir alle zu sehen, aber wir wollten die Erkenntnis nicht übergestülpt bekommen. In gewisser Weise erlaubte mir es meine kindliche, unreflektierte Herangehensweise erst, eine nachhaltig intrinsische Motivation zum Erkenntnisgewinn zu entwickeln. Sie erlaubte es mir auch in einer Situation häuslichen Schweigens den Mut zu finden, mir unbekannte Menschen anzusprechen, sie um ihre Sicht zu bitten, mit diesen Personen ins Gespräch zu kommen, zu kichern, gemeinsam etwas zu betrachten und ein Gefühl der Vertrautheit und des gegenseitigen Respekts zu gewinnen. Es erlaubte mir, meine Einsamkeit zu überwinden in der Hinwendung an andere.

Dann verabschiede ich mich, um meinen Mann zu suchen. Vor einer gewaltigen, luftgefüllten Katze finde ich ihn. Die dritte Katze heute. Mein Mann und ich lächeln uns an. Gefunden. Im Gehen winke ich noch einmal der Dame zu.

Mit Ahmeds und ihrer Hilfe habe ich mehr als nur Augenschiffe entdeckt.


Resonanz

Ein Museumsbesuch beginnt im Schweigen einer Ehe. Zwei Menschen haben einander für den Augenblick verloren und gehen Bilder ansehen. Das klingt zunächst wie eine kleine private Versuchsanordnung: Kann Kunst etwas wieder ins Gespräch bringen, das im Leben verstummt ist?

Bei Michaela Thunemann kann sie es. Nur führt der Weg dorthin weiter als erwartet.

In Augenschiffe wandert der Blick. Von Maria Lassnig zu Cy Twombly, von Katzen zu Rosen oder Kohlköpfen, von umgedrehten Igeln zu Augen und schließlich zu Schiffen. Was auf einem Bild zu sehen ist, erweist sich als erstaunlich instabil. Derselbe Strich kann für drei Menschen drei verschiedene Dinge bedeuten. Und gerade in dieser Verschiedenheit beginnt das Gespräch.

Doch während über Kunst gesprochen und darüber gestritten wird, was wir in ihr erkennen, stellt der Text leise eine unbequemere Frage: Wen erkennen wir eigentlich im Leben?

Da ist die junge Frau mit ihrer Katze, die sich im Umkleidekeller des Museums vermutlich vor der Winterkälte schützt. Wenig später betrachten die saturierten Museumsbesucher eine Performance über die Ausgrenzung Obdachloser – und die Erzählerin bemerkt mit entwaffnender Selbstkritik, dass sie die wirkliche Frau im Keller inzwischen vergessen hat.

Dieser Moment ist wesentlich. Denn Augenschiffe stellt sich nicht auf die moralisch richtige Seite und zeigt von dort aus auf die anderen. Der Text lässt seine Erzählerin selbst übersehen, zögern, sich irren, projizieren. Sehen erscheint als etwas, das immer wieder neu geleistet werden muss.

Und dann tritt Ahmed aus dem Hintergrund. Bis dahin gehört der junge Mann im schwarzen Anzug beinahe zum Inventar des Museums. Er bewacht die Kunst, während andere sie betrachten dürfen. Erst eine Frage verändert seine Position: Wie gefallen Ihnen die Bilder? Aus dem Aufseher wird ein Betrachter. Aus einer Funktion wird ein Mensch. Schließlich stehen zwei Fremde nebeneinander vor Twombly und suchen gemeinsam nach etwas Erkennbarem. Igel. Augen. Schiffe. Ahmed sieht die Schiffe.

Später stellt sich heraus, dass Twomblys Lepanto tatsächlich von einer Seeschlacht handelt. Doch beinahe wichtiger als das nachträgliche Rechtbehalten ist der Augenblick davor: Menschen sehen gemeinsam, ohne dass einer dem anderen vorschreibt, was er sehen soll. Aus Wahrnehmung wird Begegnung.

Das wiederholt sich mit der älteren Museumsaufsicht im Untergeschoss. Auch sie steht zunächst am Rand dessen, wofür die anderen gekommen sind. Dann bekommt sie eine Stimme, einen Geschmack, Vorlieben, Müdigkeit, ein Alter, ein Leben. Zwei Frauen stehen vor einer verstörenden Darstellung menschlicher Haut und teilen für einen Moment ihr Unbehagen.

So wird aus einem Text über Kunst allmählich ein Text über Aufmerksamkeit. Und aus der Frage Was sehe ich? wird eine zweite: Wen sehe ich? Das ist die schöne Bewegung dieser kleinen erzählerischen Kostbarkeit zwischen Essay und Kurzgeschichte. Kunst liefert hier keine Antworten. Sie öffnet Blicke. Sie bringt Menschen miteinander ins Gespräch, die sich sonst vermutlich wortlos passiert hätten. Und sie führt die Erzählerin schließlich auch zurück zu jenem Menschen, mit dem der Text im Schweigen begonnen hat.

Am Ende findet sie ihren Mann vor einer riesigen Katze. Sie lächeln sich an. Gefunden. Ein einziges Wort, beinahe beiläufig gesetzt. Und plötzlich meint es sehr viel mehr als das Wiederfinden eines Menschen in einem Museum. Man kann Bilder betrachten und Menschen übersehen. Man kann auf etwas schauen, ohne es zu sehen. Und manchmal genügt eine Frage, damit aus einem Blick eine Begegnung wird. Michaela Thunemanns Augenschiffe erinnert daran, dass Sehen eine Form der Zuwendung sein kann. Und dass wir einander darin für einen Augenblick sichtbar werden.

Stefan Plasa


Michaela Thunemann, geboren 1981, lebt bei München. Sie ist Pädagogin, Autorin und Herausgeberin des Kunst- und Literaturmagazins ¡Arte.Mira!. Ihre literarischen Arbeiten bewegen sich zwischen Prosa, Lyrik und Essay und beschäftigen sich mit Erinnerung, Beziehungen, Kunstwahrnehmung und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Veröffentlichungen erschienen unter anderem in zwischentext, denkbilder, der Kollektiven Literaturzeitschrift Würzburg und dem Turtlemagazin.

Link zum Kunst- und Literaturmagazin ¡Arte.Mira!

¡Arte.Mira! auf Instagram



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