Michael Bernal Copano: Täuschende Einsicht

Täuschende Einsicht

Ein Blättchen tanzt im Spinnengewebe
und schreckt mir ins sonnenstrahlverwinkelte Auge
den Umriss des Urzeitenwesengewesens
in groß da an meiner Hütte im Garten.

Erinnerung greift ins Niemalsgewesen
und fördert in Strömen Gerinnsalgetuschel.
Getuschtes, verhuschtes, Geworfenseindasein
zum Wegsein im Bleiben zerrbildlichen Sehens.

An die Hütte im Garten tret‘ ich versonnen
und witternd nach allen Zeiten im Raum.
Ein Blättchen tanzt im Spinnengewebe
und tuscht mir ein sonnenstrahlverblinzeltes Bild hin.


Resonanz

Was das Auge hinzuerfindet

Ein Blatt hängt im Spinnennetz. Licht fällt darauf. Das Auge sieht hin – und sieht für einen Augenblick etwas, das dort nicht ist. Damit beginnt Michael Bernal Copanos Gedicht Täuschende Einsicht: mit einer jener kleinen Irritationen der Wahrnehmung, bei denen die Welt für einen Moment ihre Eindeutigkeit verliert.

Aus dem Blatt wird der Umriss eines Urzeitenwesens. Aus Gegenwart scheint Vergangenheit aufzusteigen. Und dann fällt jener bemerkenswerte Satz: Erinnerung greift ins Niemalsgewesen. Kann man sich an etwas erinnern, das nie gewesen ist?

Erinnerung beginnt oft nicht erst dort, wo Vergangenes zuverlässig aufbewahrt wurde. Wahrnehmung, Vorstellung und Gedächtnis arbeiten weniger genau zusammen, als wir gewöhnlich annehmen. Ein Lichtreflex genügt, eine Bewegung, ein Schatten – und schon ergänzt das Bewusstsein die Welt um etwas, das sie ihm nie gegeben hat.

Die Sprache des Autors folgt dieser Bewegung. Wörter wachsen ineinander, werden gedehnt, zusammengesetzt, manchmal bewusst überladen. Gerinnsalgetuschel, Geworfenseindasein, sonnenstrahlverblinzeltes: Auch sprachlich scheint etwas nicht bei seiner ursprünglichen Gestalt bleiben zu wollen.

Dazwischen steht die Hütte im Garten. Ein wirklicher Ort vielleicht. Ein Erinnerungsort möglicherweise. Vor allem aber ein Ort des Sehens. Am Ende ist das Blatt noch immer ein Blatt im Spinnengewebe. Und doch ist es nicht mehr dasselbe. Zwischen dem ersten und dem zweiten Blick hat sich etwas ereignet. Nicht draußen, sondern im Sehen.

Könnte die „täuschende Einsicht“ dieses Gedichts etwa sein, dass wir die Welt niemals ganz ohne das sehen, was wir ihr hinzufügen? Und beginnt nicht genau dort Poesie?


Michael Bernal Copano

über sich selbst:

Seit je Arm in Arm mit dem Poetengeist. Flusstalweitblick an der Sieg erster Eindruck. Wortgestalter in Parlando und jazzigen Klängen, im Wortsinn, gerne auch darumherum.
Bekenntnisse, Botschaften, Mitteilungsdrang – eher nicht.
Eigene Worte, eigene Musik, eigene Stimme. Studium – ja, auch, M.A. (u.a. Ethnologie, Indonesisch). Gern und fern gereist, gern auch zurück.
Meine Texte sind immer in Musik und „in Klausur‟ erdacht, oft auch erst eingegeben vom musikalischen Skript. Ich spiele mit Klängen, Rhythmen, Tonfall, Sinn, Unsinn …
Meist Redakteur, Lektor, Texter auf mäandrierender Laufbahn gewesen. * 1954.

Link zur eigenen Webseite: https://www.myownmusic.de/VerKlang/

Michael Bernal Copano auf Instagram: https://www.instagram.com/textundverklang/



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