Wenn die Sprache zu wehen beginnt | der Lyrikband „wohin ein wind uns jemals traegt“ von blumenleere

blumenleere: wohin ein wind uns jemals traegt

Mitunter genügt ein Titel, und schon bewegt sich etwas.

wohin ein wind uns jemals traegt

Kein Punkt. Keine Gewissheit. Eher eine Bewegung, die noch nicht weiß, ob sie Reise, Verwehung oder Verlust werden wird. Und vielleicht ist damit schon ziemlich genau beschrieben, was in diesem ungewöhnlichen Lyrikband von blumenleere geschieht. Denn der Wind ist hier weit mehr als ein literarisches Motiv. Er ist poetisches Verfahren.

Wind gehört zu den ältesten Bildern menschlichen Erzählens. Seit der Antike trägt er Schiffe und bringt sie vom Kurs ab, entscheidet über Heimkehr und Irrfahrt. Bei Odysseus werden die Winde sogar in einem Schlauch verwahrt, als ließe sich das Unberechenbare für eine Weile einsperren. Wind ist Atem und Stimme, pneuma, Bewegung und Geist. Er kommt von anderswo und zieht weiter. Man sieht ihn nicht. Man erkennt ihn daran, was er bewegt.

Bei blumenleere allerdings wehen erstaunliche Dinge. Begriffe zum Beispiel, aus der Wissenschaftstheorie, der Philosophie, der Medizin, der Biologie, der Technik, der Verwaltungssprache und nicht zuletzt der Linguistik. Alles Wörter, denen man gemeinhin kaum zutraut, dass sie besonders gut „fliegen“ können. Aber plötzlich geraten Aufenthaltswahrscheinlichkeiten, Fraktale, Prophylaxen, Axiome, Substrate, Synchronizitäten und Osmosen zwischen Wälder, Erde, Wurzeln, Haut, Wüsten und Wind. Die vermeintlich präzise Sprache unserer Systeme trifft auf eine Welt, die sich gerade dieser Präzision immer wieder entzieht.

Das ist eine der großen Qualitäten dieses Bandes: blumenleere versucht nicht, Fachsprache durch „schöne“ Sprache zu ersetzen. Er lässt beide miteinander kollidieren. Und hört dabei zu, was unterhalb und innerhalb des Klanglich-Entäußerten geschieht.

Der Mensch, mithin der Leser: als Versuchsanordnung

Diese Gedichte machen es ihren Leserinnen und Lesern nicht leicht. Das sollte man deutlich sagen. Und: ausdrücklich als Empfehlung. Sätze scheinen anzusetzen und verlieren unterwegs ihre gewohnte Syntax. Bedeutungen verschieben sich. Wörter ziehen andere Wörter magnetisch an, manchmal aufgrund ihrer Bedeutung, manchmal aufgrund ihres Klangs, manchmal offenbar aufgrund einer kaum erklärbaren Nachbarschaft. Die Sprache argumentiert und assoziiert gleichzeitig.

Man muss zurück. Noch einmal lesen. Anders zusammensetzen. Gerade darin entfaltet sich der Reiz dieser Texte. Denn das Stocken ist keine Störung der Lektüre. Das Stocken ist Teil ihrer Poetik. Auffällig ist dabei das immer wiederkehrende Wir. Es gibt in diesem Buch erstaunlich wenig von jener lyrischen Selbstentblößung, die uns ein Ich präsentiert und anschließend dessen Innerstes erläutert. Stattdessen entsteht ein eigentümliches Kollektivsubjekt.

Wir beobachten. Wir vermessen. Wir klassifizieren. Wir irren. Wir hoffen. Wir reagieren – oder reagieren eben nicht.

Das Wir wird zugleich Beobachter und Gegenstand der Beobachtung. Als befände sich die menschliche Existenz in einem Labor, dessen Wissenschaftler leider selbst Teil des Experiments sind. Und unter all den Terminologien bleibt etwas Verletzliches spürbar. Ein Körper. Eine Erinnerung. Eine Sehnsucht nach Halt.

Welt als ein nicht Verwaltbares

Besonders stark wird diese Poetik im zentralen Kapitel winde. Hier begegnen sich zwei vollkommen verschiedene Vorstellungen von Welt. Auf der einen Seite steht das Elementare: Wind, Wald, Sand, Wüste, Erde, Pflanzen, Wurzeln. Auf der anderen Seite jene Sprache, mit der der moderne Mensch versucht, Welt zu beschreiben, zu ordnen, vorherzusagen und gegen ihre Unwägbarkeiten abzusichern.

Doch die Wirklichkeit hält sich nicht an unsere Kategorien. Die Wälder verschwinden vor lauter Schneisen. Prävention schützt nicht vor dem Unvorhersehbaren. Fraktale zerfallen. Strukturen werden durchlässig. Und selbst dort, wo der Mensch sich mit wissenschaftlicher Präzision seiner Umgebung zu versichern versucht, bleibt etwas übrig, das sich nicht berechnen lässt. Der Wind eben.

Vielleicht erzählt dieser Band deshalb auch von einem sehr gegenwärtigen Widerspruch: Noch nie verfügten wir über so viele Begriffe, Daten und Systeme zur Beschreibung unserer Welt – und selten erschien uns diese Welt so unübersichtlich. blumenleere macht aus diesem Widerspruch keine These. Er lässt daraus eine ganz eigene, besondere Sprache entstehen, die den kommunikativen „Transport“ von (oft absurder) Wirklichkeit und ihrer (manchmal ohnmächtigen) Kritik zur tiefen seelischen Erschütterung hin verwandelt.

Flauten

Und dann ebbt der Sturm ab. Was zunächst nach Ruhe klingt, erweist sich als keineswegs beruhigend. Im finalen Kapitel flauten scheint die Bewegung nach innen zu stürzen. Die Sprache wird sedimentärer, schwerer, geradezu diagnostisch. Medizinische, philosophische und wissenschaftliche Terminologien drängen sich ineinander; von Katalepsien und Noemata über Corpora bis zur Humifizierung gerät menschliches Dasein unter eine Art sprachliches Mikroskop. Existenz implodiert. Aber auch jetzt schweigt die Sprache nicht. Im Gegenteil. Gerade im Stillstand produziert sie eine eigentümliche semantische Unruhe. Nichtstun, Aufschub, Erstarrung, Fossilisierung, Erinnerung und Verfall geraten ineinander. Und immer wieder blitzt ein trockener Humor auf, der verhindert, dass diese Gedichte an ihrer eigenen philosophischen Schwere ersticken. Das ist wichtig. blumenleere kann dem Dasein beim Vergehen zusehen und ihm gleichzeitig eine Grimasse schneiden.

Zeichnungen einer unbestimmten Spezies

Zum poetischen System des Bandes gehören auch die Zeichnungen des Autors, die auf dem Cover und im Inneren wiederkehren und die auch aus seiner künstlerischen Arbeit im Netz bekannt sind. Sie illustrieren die Gedichte nicht. Das wäre viel zu wenig. Ihre schwarzen, organischen Formen entziehen sich ebenso einer eindeutigen Bestimmung wie die Texte. Sind es Organismen? Gewebe? Wolken? Fossilien? Flüssigkeiten? Landschaften? Etwas Mikroskopisches oder etwas Kosmisches? Gerade diese Unentscheidbarkeit verbindet Bild und Sprache.

Auch die Zeichnungen befinden sich zwischen Zuständen. Sie scheinen zu wachsen und gleichzeitig zu zerfallen, sich auszubreiten und wieder zusammenzuziehen. Wo die Gedichte semantische Grenzen durchlässig machen, tun die Zeichnungen dasselbe mit Formen.

So entsteht ein Buch, das nicht nur gelesen, sondern betrachtet werden will.

Wohin also?

Vielleicht wäre es falsch, am Ende eine Antwort auf die Frage des Titels zu verlangen. wohin ein wind uns jemals traegt ist kein Buch der Antworten. Es ist ein Buch der Bewegungen. Wind. Verwirbelung. Flaute. Sediment. Und irgendwann wieder Bewegung.

blumenleere schreibt an einer bemerkenswerten Schnittstelle von Lyrik, Philosophie, Wissenschaft, persönlicher Erfahrung und kollektivem Gegenwartsbewusstsein. Seine Sprache kann sperrig sein, gelegentlich geradezu widerborstig. Aber diese Widerständigkeit besitzt Methode. Sie verhindert jene schnelle Verständlichkeit, nach der ein Text gelesen, verstanden, abgelegt und vergessen werden kann. Diese Gedichte wollen nicht verbraucht werden. Sie verlangen Wiederholung. Man liest einen Satz. Stockt. Kehrt zurück. Versucht eine Verbindung. Verwirft sie. Findet eine andere. Und merkt irgendwann, dass genau das längst die Bewegung des Gedichts geworden ist.

Das ist schließlich die schönste Erfahrung dieses eigenwilligen Bandes: Man liest ihn nicht einfach durch. Man gerät in seinen „Wind“. Und weiß danach möglicherweise noch immer nicht, wohin er uns trägt. Aber man hat begonnen, anders über die Richtung nachzudenken.

Stefan Plasa

blumenleere: wohin ein wind uns jemals traegt. Limitierte Auflage. Ludwigsburg: KILLROY media Verlag 2026.
ISBN: 978-3-931140-74-8
16€



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