Es muss eine eigentümliche Erfahrung sein, irgendwann festzustellen, dass niemand mehr lebt, der einen als Baby gekannt hat. Nicht als Kind, an das man sich selbst noch erinnert. Früher. Als jenen kleinen Menschen, von dessen Leben man nur weiß, weil andere davon erzählt haben. Ob man viel geschrien hat. Ob man friedlich war. Wie man gehalten wurde. Was die Mutter über einen sagte…
Louise Glück beginnt ihr Gedicht Night Thoughts mit genau dieser Erfahrung. Die Menschen, die sich an ihren Anfang erinnern konnten, sind tot. Damit ist etwas verschwunden, das sich aus dem eigenen Gedächtnis nicht rekonstruieren lässt. Wir verlieren mit den Toten auch Zeugen unserer eigenen Existenz. Es ist einer jener Gedanken, die in Glücks Gedichten ohne jede Ankündigung auftauchen. Kein großes Tor wird geöffnet, keine Metapher kündigt den Eintritt ins Existentielle an. Ein Mensch denkt nachts über seine Kindheit nach. War ich ein gutes Baby? Ein schlechtes? Was macht ein Baby überhaupt zu einem schlechten Baby? Die Mutter hatte offenbar eine Antwort: Koliken. Das Kind schrie viel. Und schon verschiebt sich etwas. Denn aus der fast komischen Frage nach dem guten oder bösen Baby entsteht plötzlich ein Satz über das Leben selbst. Glück fragt sinngemäß: Was sollte daran so schlimm gewesen sein? Das Leben war schließlich schwer. Und dann sind sie alle tot. So schnell kann das bei Louise Glück gehen. Von einem schreienden Baby zum Tod einer Generation braucht sie nur wenige Sätze.
Vor der Erinnerung
Winterrezepte aus dem Kollektiv ist ein spätes Buch. Und es besitzt das Wissen später Bücher: dass Erinnerung nicht einfach wächst, je länger wir leben. Sie wird zugleich löchriger. Menschen verschwinden. Geschichten verlieren ihre Zeugen. Herkunft wird unsicher. Das eigene Leben beginnt bereits, sich in etwas zu verwandeln, das man selbst nicht mehr vollständig überblickt. Nachtgedanken treibt dieses Paradox besonders weit. Das sprechende Ich versucht, sich an einen Zustand heranzudenken, an den es sich prinzipiell nicht erinnern kann: den eigenen Anfang. Da war die Mutter. Da war ihr Körper. Ihre Hand. Ihre Zuwendung. Ein kleines Wesen, aufgehoben in ihr, noch bevor es sich selbst erzählen konnte.
Und dann geschieht etwas, das ausgerechnet bei einer Dichterin eine fast ungeheuerliche Bedeutung bekommt: Das Kind lernt sprechen. Glück empfindet diesen Augenblick keineswegs nur als Gewinn. In Uta Gosmanns feiner Übersetzung heißt es: Welche Schande, dass ich sprechen lernte. Ein erstaunlicher Satz im Werk einer Frau, deren Leben die Sprache bestimmt hat. Denn Sprache schenkt uns die Möglichkeit, Erinnerung zu formulieren. Zugleich markiert sie hier die Grenze zu jenem vorsprachlichen Zustand, nach dem sich das Gedicht zurücktastet. Das Kind, das von der Mutter gehalten wurde, besaß noch keine Wörter für diese Geborgenheit. Die erwachsene Frau besitzt alle Wörter, aber die Geborgenheit selbst ist unerreichbar geworden. Dazwischen liegt ein Leben. Darin liegt möglicherweise eines der tiefsten Motive dieses Buches: Wir gewinnen Sprache und verlieren Unmittelbarkeit. Wir gewinnen Erinnerung und verlieren Gegenwart. Wir werden zu uns selbst und entfernen uns dabei von dem Menschen, der wir einmal waren.
Die Liebe meiner Mutter
Plötzlich stehen da, beinahe isoliert, diese wenigen Wörter: Die Liebe meiner Mutter. Louise Glück erklärt sie nicht. Das ist entscheidend. Eine schwächere Dichterin hätte an dieser Stelle vielleicht begonnen, Erinnerung herzustellen, wo keine mehr ist. Sie hätte eine Szene entworfen, Wärme erzeugt, die Mutter noch einmal herbeigeschrieben. Glück aber lässt die Leerstelle bestehen. Die Liebe der Mutter ist gewiss und unerreichbar zugleich. Das Ich weiß von ihr, aber es kann nicht mehr zu ihr zurück. Nicht einmal die Erinnerung führt dorthin, weil die Erinnerung an diesen frühen Zustand nie die eigene war. Und genau an solchen Stellen begreift man, weshalb Louise Glück zu den großen Lyrikerinnen unserer Zeit gehört. Ihre Gedichte brauchen keine sprachliche Geste, die uns mitteilt: Achtung, hier wird es existentiell. Sie sind längst dort.
robust, doch ungenießbar
Und dann erlaubt sich die Dichterin etwas Herrliches. Aus dem geliebten, schreienden, vorsprachlichen Baby wird irgendwann das „wahre Ich“: robust but sour, like an alarm clock. Uta Gosmann macht daraus: robust, doch ungenießbar wie ein rasselnder Wecker. Was für ein Ende. Nach Mutterliebe, verlorener Kindheit und Tod kein Trostbild, keine späte Versöhnung, kein Sonnenuntergang. Ein Wecker.
Das ist jener trockene, manchmal beinahe boshafte Humor, der Glücks Dichtung vor jeder Sentimentalität bewahrt. Das Ich blickt auf die eigene Existenz mit Zärtlichkeit und Schonungslosigkeit zugleich. Auch das Alter verleiht ihm keine besondere Würde. Man ist eben geworden, was man geworden ist: einigermaßen widerstandsfähig, nicht immer besonders bekömmlich und gelegentlich vermutlich lästig.
Ein rasselnder Wecker besitzt immerhin den Vorteil, dass er daran erinnert, dass man noch lebt.
Die Kunst, wenig zu sagen
Louise Glück, 1943 in New York geboren und 2023 gestorben, erhielt 2020 den Nobelpreis für Literatur. Solche Auszeichnungen können einer Dichterin gefährlich werden, zumindest ihrer Lektüre. Plötzlich steht das Monument vor dem Gedicht. Bei Glück sollte man es möglichst schnell wieder wegräumen. Denn ihre Größe liegt gerade in einer Sprache, die sich selten groß macht.
Mythos und Alltag, Familie und Einsamkeit, Natur und Erinnerung, Begehren und Tod können bei ihr unmittelbar nebeneinandertreten. Das Private wird dabei nie bloß ausgestellt. Erfahrung durchläuft Sprache, verändert ihre Gestalt und wird dadurch für andere betretbar. Vielleicht ist das überhaupt ein Unterschied zwischen Bekenntnis und Poesie. Glücks Gedichte verlangen nicht, dass wir ihr Leben nachvollziehen. Sie öffnen einen Raum, in dem wir plötzlich über unseres nachdenken. Wer erinnert sich noch an unseren Anfang? Welche Geschichten über uns existieren nur im Gedächtnis anderer? Was verschwindet, wenn der letzte Mensch stirbt, der uns als Kind gekannt hat? Und was bleibt von der Liebe, wenn die Erinnerung an sie älter ist als unsere eigene Erinnerung? Das Gedicht beantwortet diese Fragen nicht. Zum Glück!
Winterrezepte
Schon der wunderbare Titel Winterrezepte aus dem Kollektiv enthält viel von dieser späten Poetik. Winter heißt: Alter, Kälte, Reduktion, Ende. Rezepte wiederum: überlieferte Handlungen, Wiederholung, Erfahrung, etwas, das Menschen einander weitergeben. Kollektiv schließlich: das einzelne Leben als Teil vieler Leben, die einzelne Stimme inmitten anderer Stimmen.
Doch Louise Glück macht daraus kein geschlossenes allegorisches System. Ihre späten Texte bewegen sich zwischen Erinnerung, kleinen Erzählungen, Gesprächen, Familienkonstellationen und beinahe märchenhaften oder parabelhaften Situationen. Stimmen tauchen auf, verschwinden wieder. Menschen erzählen einander Geschichten. Vergangenes tritt in die Gegenwart, ohne sich dort noch einmal vollständig einzurichten. Der Winter wird so auch zur Jahreszeit des Erzählens.
Wenn draußen weniger geschieht, beginnen die Dinge im Inneren zu sprechen.
Uta Gosmann: Die Schwierigkeit der Einfachheit
Dass diese Gedichte im Deutschen ihre Klarheit behalten, verdanken sie wesentlich der Übersetzerin Uta Gosmann. Gerade bei Louise Glück ist Übersetzen eine heikle Aufgabe. Eine spektakulär metaphorische Sprache lässt ihre Kunstfertigkeit offen erkennen. Glück dagegen schreibt häufig Sätze, die aussehen, als könnten sie kaum einfacher sein. Und genau deshalb darf die Übersetzung sie nicht verschönern. Sie muss Lakonie aushalten, Härte stehen lassen und die gelegentliche Sprödigkeit bewahren. Und sie muss jenen trockenen Humor ins Deutsche retten, der oft nur eine minimale Verschiebung vom Schmerz entfernt liegt. Gosmann gelingt das auf bemerkenswerte Weise. Ihre Übersetzung will sich nicht vor Glücks Gedichte stellen. Sie lässt ihnen ihre Luft, ihre Pausen, ihre scheinbare Einfachheit; dort findet sie eigene Lösungen, wo Englisch und Deutsch eben nicht deckungsgleich sind. Gerade deshalb lohnt es sich, diesen Band gelegentlich zweisprachig zu lesen: nicht um Übersetzungsentscheidungen schulmeisterlich gegeneinander abzuwägen, sondern um zu hören, wie ein Gedicht beim Übergang in eine andere Sprache seine Stimme bewahren und zugleich eine neue bekommen kann.
Was bleibt
Louise Glück wusste, dass die großen Fragen nicht größer werden, wenn man große Worte für sie findet. Vielleicht werden sie dann sogar kleiner. Eine Mutter hält ein Kind. Das Kind lernt sprechen. Menschen sterben. Jemand liegt nachts wach und versucht, sich an etwas zu erinnern, an das er sich nicht erinnern kann. Mehr braucht es manchmal nicht.
Winterrezepte aus dem Kollektiv ist ein kleiner, kostbarer Lyrikband über die ungeheure Zumutung, dass wir eine Weile hier sind und irgendwann nicht mehr. Über das, was Menschen voneinander bewahren können. Und über das, was selbst die Erinnerung nicht retten kann. Und über Sprache, natürlich. Diese sonderbare menschliche Erfindung, die uns das Verlorene nicht zurückgibt und es dennoch vermag, für einen Augenblick eine Stimme aus der Abwesenheit hörbar zu machen. Louise Glück beherrscht diese Kunst wie wenige. Man sollte ihr zuhören.
Stefan Plasa
Louise Glück: Winterrezepte aus dem Kollektiv. Gedichte. Aus dem amerikanischen Englisch von Uta Gosmann. München: Luchterhand 2021.

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