Wird Welt ge-zählt oder er-zählt?

Was möglicherweise nicht hierher gehört, aber einmal gesagt werden muss.

Es gibt keine Gerechtigkeit der Geschichte. Geschichte ist kein Gerichtshof. Sie spricht keine Urteile und verteilt keine Strafen. Sie bewahrt nur die Spuren dessen, was Menschen einander antaten und dessen, was sie füreinander wagten.

Die Tyrannen glaubten, ihre Namen würden aus Stein bestehen. Doch der Stein verwittert. Was bleibt, ist nicht die Macht, sondern die Erinnerung an ihren Missbrauch. Nicht die Größe ihrer Reiche, sondern die Kleinheit ihres Menschenbildes.

Vielleicht wird eines Tages jeder, der andere erniedrigte, nicht in einem Pantheon der Großen stehen, sondern in einem Kenotaphion der Verfehlten. Nicht als Sieger. Nicht einmal als Besiegter. Sondern als leere Form einer Größe, die sich selbst verfehlte. Eine Galerie der Unbeweinten, in der das Echo ihrer Befehle längst verklungen ist und nur noch die Frage bleibt, wie viele Stimmen sie zum Schweigen brachten.

Es ist eine eigentümliche Ironie der Geschichte, dass das Gesicht der Tyrannei niemals schöner wird, nur weil Millionen es für eine Weile küssen. Zustimmung verändert nicht den Charakter der Gewalt. Sie verlängert nur ihre Frist.

Das mag denen, die heute mit Sorge auf die Erosion offener Gesellschaften blicken, ein schwacher Trost sein. Denn keine Tyrannei verschwindet von selbst. Sie verliert ihre Macht nicht durch den Lauf der Zeit, sondern dadurch, dass Menschen ihr widersprechen, sich ihr entziehen, ihr widerstehen – oft unter hohem Preis.

Vielleicht ist das überhaupt die einzige Frage, die jeder Gegenwart gestellt wird: Welche Erinnerung möchte sie den Künftigen hinterlassen?

Nicht: Auf welcher Seite der Geschichte werden wir stehen? Sondern: Wird in der Geschichte, die nach uns erzählt wird, Menschlichkeit noch erzählbar sein?

Denn jedes Zeitalter entscheidet aufs Neue darüber, ob die Welt gezählt oder erzählt wird. Die Tyrannei zählt. Sie ordnet, vermisst, registriert und verwaltet. Die Menschlichkeit erzählt. Sie erinnert Namen, Gesichter, Stimmen. Und solange noch erzählt wird, ist das letzte Wort nicht gesprochen.

Stefan Plasa



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