Die Sprache weiß mehr als die Geschichte

Christine Wunnicke – Würdigung anlässlich der Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises 2026

Es soll ja Lyriker geben, die Romane nur deshalb lesen, um sich anschließend bestätigt zu fühlen, dass Gedichte die elegantere Lösung gewesen wären. Christine Wunnickes Bücher gehören nicht in diese Kategorie. Sie erinnern vielmehr daran, dass Präzision keine Frage der Seitenzahl ist.

Dass Christine Wunnicke mit dem Georg-Büchner-Preis 2026 ausgezeichnet wird, ist deshalb auch aus der Perspektive eines Lyrikjournals ein Anlass zur Freude. Nicht weil sie Gedichte schreibt. Sondern weil ihre Prosa etwas besitzt, das jede große Dichtung auszeichnet: eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit für Sprache.

Wunnicke schreibt historische Romane für Menschen, die historische Romane eigentlich nicht mögen. Ihre Bücher interessieren sich weniger für vergangene Epochen als für die Möglichkeiten, die Geschichte der Gegenwart noch einmal vorzulegen. Historisch verbürgte Figuren begegnen einander in ebenso unwahrscheinlichen wie plausiblen Konstellationen. Wissenschaft trifft auf Aberglauben, Aufklärung auf Groteske, Sprachgeschichte auf Komik. Was als historische Rekonstruktion beginnt, wird zu einer literarischen Versuchsanordnung.

Gerade darin liegt ihre Eigenständigkeit. Wunnicke illustriert Geschichte nicht. Sie bringt sie zum Sprechen. Oder besser: Sie lässt Stimmen aufeinandertreffen, die sich über Jahrhunderte, Sprachen und Weltbilder hinweg gegenseitig befragen. In Die Dame mit der bemalten Hand wird Verständigung zwischen einem deutschen Forschungsreisenden und einem persischen Gelehrten zum eigentlichen Abenteuer. In Wachs stehen Wissenschaft, Anatomie, Kunst und weibliche Selbstbehauptung im Frankreich des 18. Jahrhunderts in einem ebenso klugen wie leisen Dialog.

Mich beeindruckt dabei vor allem die Souveränität ihrer Sprache. Kein Satz drängt sich in den Vordergrund. Kein Bild verlangt Bewunderung. Alles wirkt mit einer Gelassenheit gesetzt, die nur Autorinnen und Autoten erreichen, die ihrer Sprache vollständig vertrauen. Unter dieser scheinbaren Leichtigkeit verbergen sich enorme Gelehrsamkeit, feiner Humor und eine große Lust am literarischen Spiel.

Vielleicht liegt genau hier eine Verbindung zur Lyrik. Auch Gedichte leben nicht von großen Gesten, sondern von Genauigkeit. Nicht vom Ausstellen des Besonderen, sondern vom Vertrauen darauf, dass ein einziges treffendes Wort mehr verändern kann als eine ganze Seite erklärender Prosa. Wunnickes Romane erinnern daran, dass dieses Vertrauen keineswegs an eine Gattung gebunden ist.

Die Jury des Georg-Büchner-Preises würdigt die Verbindung von historischer Gelehrsamkeit, Fabulierlust, sprachlicher Eigenwilligkeit und subtilem Witz. Das ist gut beobachtet. Doch vielleicht lässt sich Wunnickes Werk noch einfacher beschreiben: Es gehört zu jener seltenen Literatur, die klüger aus einem Buch hervorgehen lässt, ohne je belehrend zu werden.

Als Lyriker darf man das ruhig einmal zugeben. Manchmal braucht ein Gedicht zweihundert Seiten…

Stefan Plasa



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