Haiku-Variation [1.26]

Stefan Plasa

licht.herz
hall.end

wider
und
wieder

grau.see


Resonanz

Das europäische Missverständnis des Haiku beginnt häufig dort, wo seine Silben gezählt werden. Die berühmte Formel 5–7–5 lässt sich aus dem Japanischen nur bedingt übertragen, weil sie auf den on, den Moren (kleinsten Lauteinheiten), nicht auf unseren Silben beruht. Wer im Deutschen lediglich die Zahl der Silben nachbildet, verfehlt oft das Entscheidende: das Haiku ist keine metrische Form, sondern eine Poetik der Wahrnehmung.

Sein eigentlicher Ort liegt im Zwischenraum. Zwischen zwei Bildern, zwei Atemzügen, zwischen dem Gesagten und dem Ungesagten.

Die moderne deutschsprachige Lyrik hat diese Offenheit auf sehr unterschiedliche Weise aufgenommen. Von Rainer Maria Rilkes Dinggedichten über die äußerste Sprachkonzentration Paul Celans bis hin zu den späten Mikrogrammen Ernst Jandls oder Friederike Mayröckers lässt sich beobachten, wie die große Geste zunehmend einer Poetik der Verdichtung weicht. Nicht die Welt wird kleiner; die Sprache wird genauer.

Vor diesem Hintergrund versteht sich das kleine Gedicht

licht.herz
hall.end

wider
und
wieder

grau.see

nicht als deutschsprachiges Haiku im traditionellen Sinn. Es übernimmt weder dessen Silbenmaß noch dessen Naturbeschreibung im kigo (Jahreszeitenwort). Was es mit der japanischen Tradition verbindet, ist vielmehr die Konzentration auf einen einzigen Wahrnehmungsraum, in dem Sehen und Hören, Gegenstand und Klang, Bedeutung und Laut ineinander übergehen.

Bereits die erste Zeile (licht.herz) lässt offen, ob das Herz Träger des Lichts ist oder das Licht selbst zum schlagenden Organ wird. hall.end beschreibt zugleich den Nachhall eines Klanges und dessen mögliches Ende. wider und wieder stehen nur durch eine minimale Lautverschiebung voneinander getrennt und öffnen dennoch gegensätzliche Bewegungsrichtungen: Widerstand und Wiederkehr. Mit grau.see schließlich wird der Klangraum wieder in eine Landschaft entlassen, die ebenso eine graue See wie eine Ahnung von Grausen sein kann.

Das Gedicht besteht damit weniger aus Aussagen als aus Resonanzen. Es möchte nicht verstanden werden wie ein Rätsel, dessen Lösung am Ende feststeht. Es möchte gelesen werden wie eine Wasseroberfläche, auf der sich Licht, Wind und Blick unablässig verändern.

Was sich lernen lässt von den konzentrierten fernöstlichen Formen: Nicht weniger zu sagen, sondern den Wörtern mehr Schweberaum zu geben.



Eine Antwort zu „Haiku-Variation [1.26]“

  1. wunderbar, lieber stefan, besonders das haiku bzw die -variation, aber auch die zeilen dazu – so auch mein verständnis von dieser feinen gedichtform, die manchmal so einfach erscheint, die aber doch so komplex ist, die so viel in sich und weiter tragen kann. 🙂 danke!

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