Gedanken zu Else Lasker-Schülers Gedicht Weltende (1903)
Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen …
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.
Du! wir wollen uns tief küssen –
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.
Nicht nur ein einzelner Mensch weint, nicht die Dichterin, nicht einmal „nur“ ein Volk – die ganze Welt weint. Mit dieser ungeheuren Vergrößerung beginnt Else Lasker-Schülers Weltende – und braucht dafür gerade einmal zehn Verse. Der Himmel ist leer geworden, der „liebe Gott“ womöglich tot, ein bleierner Schatten fällt auf alles Lebendige. Mehr Verlorenheit lässt sich in wenigen Zeilen kaum denken.
Und dann geschieht etwas Erstaunliches: Wie ein einzelner Atemzug oder ein Herzschlag ertönt das Wörtchen Komm, und es öffnet sich eine ganze Landschaft an zutiefst menschlichen Gedanken und Emotionen. Dabei geht es im Gedicht nicht darum, die Welt zu retten. Es bietet keine Hoffnung, die größer wäre als die Katastrophe. Es behauptet nicht, alles werde wieder gut. Einfach nur: Der Ruf nach einem anderen Menschen. Komm, wir wollen uns näher verbergen … Hierin liegt die bis heute erschütternde Modernität dieses kleinen großen Gedichts: Else Lasker-Schüler setzt gegen eine Welt, die unerträglich geworden ist, keine philosophische oder politische Idee, sondern schlicht Nähe. Gibt es eine kraftvollere, nachhaltigere Form des Widerstands?
Das Leben selbst liegt bereits in aller Herzen / Wie in Särgen. Ein hartes und zugleich sehr wahres Bild: Noch leben wir, und tragen doch den Tod schon in uns. Die Grenze zwischen Leben und Sterben verläuft nicht mehr irgendwo am Ende unserer Zeit. Sie geht mitten durch das Herz. Aber dort ist noch jemand. Und heißt: Du. Die Dichterin stellt dieses Wort geradezu nackt an den Anfang der letzten Strophe: Du! Ein simples Ausrufezeichen verleiht dem Gestus Nachdruck. Kein abstraktes Menschheitsideal, keine Gemeinschaft der Guten, keine Erlösungsphantasie. Dafür: Ein konkretes Gegenüber. Ein Mensch, der einem anderen Menschen nahekommen kann.
wir wollen uns tief küssen … – Man könnte darin Weltflucht sehen. Zwei Liebende verbergen sich voreinander und vor der Katastrophe. Mich überzeugt diese oft kopierte Lesart nicht ganz. Denn der Kuss beseitigt nichts. Der bleierne Schatten bleibt. Der Tod bleibt. Auch jene rätselhafte Sehnsucht bleibt, die „an die Welt“ pocht und an der wir sterben müssen. Nähe ist hier keine Lösung. Sie ist eine Antwort.
Vielleicht berührt mich Weltende heute deshalb wieder so stark. Wir kennen das Gefühl der Ohnmacht gut. Kriege, Gewalt, politische Verhärtungen, ökologische Krisen, gesellschaftliche Zerreißproben – vieles, was uns täglich erreicht, ist größer als das, was ein einzelner Mensch verändern kann. Man kann daran verzweifeln. Man kann abstumpfen. Man kann irgendwann aufhören hinzusehen. Oder man kann sich einander zuwenden. Nicht als Ersatz für politisches Handeln. Nicht als romantischen Rückzug ins Private. Sondern als Erinnerung daran, wofür eine Welt überhaupt bewahrt werden soll.
Wir haben einander. Als Liebende. Als Freundinnen und Freunde. Als Eltern und Kinder. Als Menschen, denen andere Menschen nicht gleichgültig sind.
Das mag erschreckend wenig sein angesichts eines empfundenen Weltendes. In Wahrheit ist es aber geradezu erschütternd viel. Denn Else Lasker-Schülers Gedicht wagt etwas, das große politische Worte gelegentlich vergessen: Die Menschlichkeit beginnt nicht bei der Menschheit. Sie beginnt beim Menschen neben mir. In einer Hand. Einer Umarmung. Einem Kuss. In der Bereitschaft, die Verzweiflung eines anderen nicht allein zu lassen.
Und selbst die Sehnsucht wird dadurch nicht beruhigt. Sie „pocht“ weiter. Ein schönes, schmerzhaftes Verb. Als besäße die Welt selbst ein Herz, an dessen Tür etwas Einlass verlangt, das größer ist als das, was sie zu geben vermag. Und ja: Vielleicht sterben wir auch daran. Aber bis dahin können wir uns näher verbergen. Nicht vor der Welt. Sondern: Ineinander.
Stefan Plasa

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