Giorgos Seferis – Mythischer Lebensbericht | Besprechung eines modernen Klassikers in 24 Schritten

Giorgos Seferis, Mythischer Lebensbericht

I – Heimkehr ins Fremde – Den Boten

Giorgos Seferis‘ (1900 – 1971) großer Zyklus Mythischer Lebensbericht, in der Reihe „Poesie“ bei Suhrkamp 1962 in Christian Enzensbergers kraftvoller Übersetzung erschienen (das griechische Original wurde bereits 1935 veröffentlicht) beginnt mit einer Reise. Nicht mit der Abfahrt. Mit der Rückkehr.

Der Mythische Lebensbericht setzt dort ein, wo die antiken Epen gewöhnlich enden. Die Irrfahrten sind vorbei. Das Meer liegt hinter den Reisenden. Was bleibt, ist die Heimkehr.

Doch niemand kehrt wirklich zurück. Seferis schreibt keine moderne Odyssee. Er schreibt über den Augenblick, in dem selbst die Heimat fremd geworden ist.

Die Menschen sind zurückgekehrt, als Zerbrochene mit kraftlosen Gliedern, mit Mündern, die den Salz- und Rost-Geschmack der langen Reise noch immer nicht verloren haben. Der Weg hat sie verändert. Nicht nur ihre Körper. Auch ihre Wahrnehmung. Bemerkenswert ist dabei, dass Seferis jede heroische Geste vermeidet. Seine Heimkehrer bringen keine Schätze mit. Keine Siege. Keine Gewissheiten. Dafür aber Bilder von bescheidener Kunst. Kaum eine Formulierung beschreibt Dichtung schöner, denn nicht das Außergewöhnliche wird bewahrt, nicht das Spektakuläre, sondern Bilder, die gerade deshalb leuchten, weil sie nichts beweisen müssen.

Überhaupt scheint dieser erste Abschnitt „Den Boten“ von einer eigentümlichen Müdigkeit durchzogen zu sein. Winter, Nebel, Schwäne, Sommer, Wind – die Landschaft wird nicht beschrieben. Sie geht in die Menschen über. Jahreszeiten sind seelische Zustände. Wetter wird Erinnerung. Natur und Geschichte lassen sich nicht mehr voneinander trennen.

Hier beginnt etwas, das den ganzen Mythischen Lebensbericht prägen wird. Der Mythos liegt nicht hinter der Gegenwart. Er geht neben ihr her. Odysseus ist nicht mehr nur eine Gestalt Homers. Er wird zu einer Möglichkeit menschlicher Existenz. Jeder Mensch, der heimkehrt und die Heimat nicht mehr erkennt, betritt dieselbe Landschaft.

Ich denke, genau darin liegt die Modernität dieses Zyklus. Der Mythos erklärt die Welt nicht. Er begleitet sie. Und ein einziges Bild von bescheidener Kunst genügt, um mehr über ein Jahrhundert zu sagen als eine ganze Chronik es könnte.

Stefan Plasa


Giorgos Seferis: Mythischer Lebensbericht. In: Poesie. Griechisch und Deutsch. Übertragung und Nachwort von Christian Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2016.



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