Regina Schrott – blätter im wind

blätter im wind
blätter, die treiben
blätter, auf denen wir
gedichte schreiben

gedanken
gefühle

was uns
in der welt
bewegt

blätter im wind
blätter, die treiben
blätter, auf denen wir
gedichte schreiben


Resonanz

Es gibt Geschenke, die ihren eigentlichen Sinn nicht in dem Moment preisgeben, in dem wir sie entgegennehmen. Sie begleiten uns zunächst schweigend. Erst nach und nach beginnen sie zu sprechen.

Zusammen mit ihrem Gedicht blätter im wind schenkte mir Regina Schrott zu meinem Geburtstag eine schlichte Tonplatte, die mir schon jetzt aus verschiedenen Gründen eine Kostbarkeit ist. Sie ist ein Fundstück in der Wiener Wohnung ihres Vaters, die nach seinem Tod kürzlich geräumt werden musste. Sie ist somit ein Artefakt der Trauer und der Liebe zugleich – und nun auch dieser Freundschaft, die uns v.a. über die Literatur zusammengebracht hat. Vor dem Brand des Tons wurde ein Kastanienblatt in das weiche Material eingeprägt. Nun ruht es dort, als hätte die Zeit selbst für einen Augenblick ihre Hand auf den Ton gelegt – was für ein schönes Bild des Vertrauens und des Schutzes.

Als Regina mir die Platte überreichte, sagte sie mit liebevoller Selbstverständlichkeit: „Da kannst du deine Stifte ablegen.“ Seitdem lässt mich dieser Satz nicht mehr los. Denn plötzlich ist diese Platte mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Sie liegt neben meinen Notizbüchern, jenen Heften, in denen Gedichte beginnen dürfen, lange bevor sie Gedichte werden. Dort sammeln sich Wörter, die noch nicht wissen, ob sie bleiben werden. Bilder, die wieder verschwinden. Zeilen, die sich später als Irrtum erweisen. Und manchmal jene wenigen Sätze, die den langen Weg bis in ein fertiges Gedicht überstehen. Die Tonplatte scheint all diese Versuche geduldig zu erwarten. Sie urteilt nicht. Sie bewahrt. Sie erinnert daran, dass Dichtung selten im Augenblick ihrer Niederschrift entsteht. Sie wächst in Pausen, im Wiederlesen, im Verwerfen, im erneuten Beginnen. Warten gehört zur Arbeit des Gedichts wie der Atem zur Sprache.

Vielleicht berührt mich deshalb auch Regina Schrotts Gedicht so sehr.

blätter im wind
blätter, die treiben
blätter, auf denen wir
gedichte schreiben

Das Blatt bleibt bewusst in seiner schönen Doppelbedeutung. Es ist das Blatt des Baumes und das Blatt des Papiers zugleich. Beide treiben. Beide sind unterwegs. Das eine folgt dem Wind, das andere der Sprache. Natur und Schreiben begegnen einander nicht als Gegensätze, sondern als zwei Bewegungen derselben Welt.

Dann folgen die schlichten Zeilen:

gedanken
gefühle
was uns
in der welt
bewegt

Mehr braucht dieses Gedicht nicht. Es zählt nicht auf. Es öffnet. Was uns bewegt, findet seinen Ort auf einem Blatt – und wird doch nie ganz festgehalten. Auch das Geschriebene bleibt in Bewegung. Wie das Blatt im Wind.

Dass das Gedicht mit seinen Anfangszeilen endet, ist mehr als eine Wiederholung. Es ist ein leises Erinnern daran, dass Schreiben kein geradliniger Weg ist. Gedanken kehren zurück. Bilder ebenfalls. Wir beginnen immer wieder von Neuem. Und vielleicht unterscheiden sich die Gedichte weniger durch ihre Themen als durch die Geduld, mit der wir ihnen erlauben zu reifen.

So ist aus einem Geschenk ein stiller Begleiter geworden. Die Tonplatte mit dem eingeprägten Kastanienblatt trägt nun meine Stifte. Die Notizbücher daneben tragen jene Zeilen, die vielleicht einmal Gedichte werden. Dazwischen liegt die Zeit. Und oft ist sie das Wertvollste, was einem Gedicht zum Geschenk gemacht werden kann.


Regina Schrott, *1978 in Wien, ist Schauspielerin, Autorin und Verlegerin (EMPATHIE Verlag), außerdem zertifizierte Mediatorin und systemischer Coach (mit Schwerpunkt Narzissmus und funktionale Beziehungsstörungen – siehe: Narz mich nicht – Initiative für gewaltfreie Beziehungen).

Publikationen
Ich bin Echo. Roman. EMPATHIE Verlag 2025.
Leichtigkeit für Superhelden. Weil du nicht kämpfen musst, wenn du das Spiel verstehst. EMPATHIE Verlag 2026.

Link zum EMPATHIE Verlag



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