diese wildnis
zwischen zwei buchseiten
tummeln sich wörter
zeichen eines traums
mit offenen türen
führen ins grün
oder violett oder
in eine tiefe
zwischen zwei buchdeckeln
wohnen gedichte
bereit das fliegen zu lernen
und neue gewohnheiten
werden mir lieb
Resonanz
Warum lesen wir eigentlich? Nicht so sehr, um Antworten zu finden. Vielleicht nicht einmal, um Geschichten zu erfahren. Eher schon: weil zwischen zwei Buchdeckeln etwas auf uns wartet, das sich dem alltäglichen Blick entzieht. Gerade für Lyrik kann dies bedeuten: Wir finden uns lesend selbst.
Diana Jahrs diese wildnis setzt im Zentrum dessen ein, was Lyrik trägt: bei der Sprache: zwischen zwei buchseiten / tummeln sich wörter. Schon das Verb überrascht. Wörter liegen hier nicht still auf Papier. Sie tummeln sich. Sie besitzen Eigenleben, Unruhe, beinahe Übermut. Das Buch wird nicht als musealer Behälter verstanden, sondern als lebendiger Raum. Aus diesen Wörtern werden sogleich zeichen eines traums. Die Sprache verweist nicht auf eine Wirklichkeit außerhalb ihrer selbst; sie öffnet Möglichkeiten. Türen entstehen. mit offenen türen / führen ins grün / oder violett oder / in eine tiefe. Wie selbstverständlich stehen Farbe und Raum nebeneinander. Grün ist Landschaft. Violett ist Stimmung. Die Tiefe entzieht sich jeder Benennung. Das Gedicht erklärt diese Übergänge nicht. Es vertraut darauf, dass Lesende sie selbst betreten.
Von besonderer Schönheit ist die zweite Bewegung des Gedichts: zwischen zwei buchdeckeln / wohnen gedichte. Das ist ein stilles, beinahe häusliches Wort. Es nimmt den Gedichten jede Monumentalität. Sie warten geduldig auf ihre Leserinnen und Leser. Und sie sind bereit das fliegen zu lernen. Diese Zeile kehrt die bekannte Vorstellung um. Nicht die Lesenden lernen durch Gedichte zu fliegen. Die Gedichte selbst beginnen ihren Flug erst in der Begegnung mit denen, die sie lesen. Ein Buch bleibt geschlossenes Papier, solange niemand seine Seiten öffnet. Erst im Lesen entfaltet sich seine eigentliche Bewegung.
Fast unmerklich führt das Gedicht diesen Gedanken zu seinem Ende: und neue gewohnheiten / werden mir lieb. Vielleicht ist das die unscheinbarste und zugleich schönste Pointe dieser wenigen Zeilen. Große Literatur verändert unser Leben selten durch spektakuläre Erkenntnisse. Sie verändert unsere Gewohnheiten. Sie lässt uns langsamer lesen, aufmerksamer schauen, anders hören. Irgendwann greifen wir zu einem Buch wie zu einem vertrauten Weg durch eine Landschaft, die sich dennoch bei jedem Besuch verändert.
Auch Diana Jahrs Gedicht selbst besitzt etwas von dieser Landschaft. Es ist klein an Umfang und weit in seiner Wirkung. Zwischen seinen wenigen Zeilen öffnet sich jene Wildnis, von der der Titel spricht: ein Raum, in dem Wörter nicht gezähmt werden müssen, sondern frei genug bleiben, ihre Leserinnen und Leser immer wieder neu zu überraschen.
Stefan Plasa
Diana Jahr, *1970, aufgewachsen in Dortmund, eine Tochter, verheiratet, lebt heute im Westerwald.
Sie ist Lyrikerin, Autorin und Herausgeberin mit eigenem Blog: https://versspruenge.wordpress.com/ Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (z.B. Federwelt, Wortschau, Dichtungsring) und Anthologien.
Diana Jahr gewann 2019 den 1. Platz Lyrik beim 7. Kempener-Literaturwettbewerb. Sie ist Gewinnerin des SternenBlick-Lyrikpreises 2023.
Zuletzt erschien ihr Lyrikband in der stille | werden wir durstig sein, lyrische betrachtungen im Schillo-Verlag 2025.

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