Abschied
Nimm den Abschied
in den Arm
wie einen Vogel
mit verletztem Flügel
erst schlägt er um sich
scheut dein Gesicht
will hinaus ins Leere
nimm den Abschied in den Arm
halt ihn nicht fest
halte ihn nur
bis er ruhig wird
so lernst du
dass er kein Feind ist
sondern ein Gast
sein Gewicht
geringer als dein Herz
er legt es dir zurück
wenn
er geht
und du bleibst
aufrecht
mit leeren Händen
die wieder bereit sind
für einen Anfang
nimm den Abschied in den Arm
Resonanz
Ich schätze solche Gedichte ganz besonders, die auf vordergründige sprachliche Demonstration verzichten, die ihre Bilder nicht ausstellen, sondern darauf vertrauen, dass ein einziges Bild schon genügt, wenn es wahr ist.
Brigitte Barners Abschied beginnt mit einer Aufforderung: Nimm den Abschied / in den Arm. Es ist ein Satz, der zunächst beinahe unmöglich erscheint, denn Abschied ist eine Erfahrung, die uns etwas Wesentliches in unserem Leben entzieht, etwas das Trennung impliziert, etwas das schmerzt. Das Gedicht aber verändert seine Gestalt. Es macht aus dem abstrakten Begriff ein verletzliches Wesen: wie einen Vogel / mit verletztem Flügel. Sofort verschiebt sich die Perspektive. Nicht der Mensch ist der Verwundete allein. Auch der Abschied trägt eine Wunde. Er schlägt um sich, scheut das Gesicht, möchte fliehen. Was wir gewöhnlich als Schmerz erfahren, erscheint plötzlich selbst schutzbedürftig.
Gerade darin liegt die stille Radikalität dieses Gedichts. Es fordert nicht dazu auf, den Abschied zu überwinden oder tapfer zu ertragen. Es verlangt auch nicht, ihn festzuhalten. Im Gegenteil: halt ihn nicht fest / halte ihn nur / bis er ruhig wird. Zwischen diesen beiden Verben liegt die eigentliche Bewegung des Gedichts. Festhalten bedeutet Besitz. Halten bedeutet Fürsorge. Der Unterschied umfasst nur wenige Buchstaben – und doch eine ganze Lebenshaltung.
Von hier aus verändert sich auch das Bild des Abschieds selbst: dass er kein Feind ist / sondern ein Gast. Ein Gast bleibt nicht. Aber er gehört für eine Weile zum Haus. Er verändert den Raum, den er betritt, und hinterlässt etwas, das über seine Anwesenheit hinausreicht. Abschied wird nicht verharmlost. Er bleibt schmerzhaft. Doch das Gedicht entzieht ihm den Charakter einer endgültigen Bedrohung.
Zu den schönsten Zeilen gehört für mich: sein Gewicht / geringer als dein Herz. Kaum ein anderes Bild könnte deutlicher machen, worum es hier geht. Nicht der Abschied ist das Schwerste. Schwerer ist das Herz, das liebt, erinnert und dennoch weiterleben muss. Gerade deshalb vermag es den Abschied zu tragen – nicht umgekehrt.
Und schließlich geschieht etwas, das dieses Gedicht weit über den einzelnen Anlass hinausführt: er legt es dir zurück / wenn / er geht. Das Herz war nie verloren. Der Abschied nimmt es nicht mit sich. Er gibt es zurück – vielleicht verändert, vielleicht empfindlicher, aber bereit für das, was folgt.
Die letzten Zeilen verzichten auf jedes Pathos: mit leeren Händen / die wieder bereit sind / für einen Anfang. Leere erscheint hier nicht als Mangel. Sie wird zur Voraussetzung. Nur leere Hände können etwas Neues empfangen.
Brigitte Barners Gedicht arbeitet mit einer Sprache von großer Schlichtheit. Gerade deshalb entfalten seine Bilder eine umso tiefere Wirkung. Sie erklären nichts. Sie begleiten. Und vielleicht ist das das Schönste, was ein Gedicht über den Abschied leisten kann: Es nimmt ihn nicht fort. Es bleibt bei ihm, bis auch wir ruhiger werden.
Stefan Plasa
Brigitte Barner, Jhg. 1960, lebt in Bremen und war viele Jahre Hörfunk-Reporterin und Kulturjournalistin beim NDR. Seit ihrem Ruhestand widmet sie sich vor allem dem Schreiben von Lyrik. Unter dem Titel „Poesie des Augenblicks“ schreibt sie über Naturbeobachtungen, gesellschaftsrelevante Themen und vor allem über ihre Sehnsucht nach Stille in einer immer lauter werdenden Welt. Mit ihren lyrischen Miniaturen möchte sie innere Bilder malen und Hoffnung stiften.
Brigitte Barner veröffentlicht ihre Gedichte auf dem Blog Poesie des Augenblicks.
Eine Sammlung ihrer im Selbstverlag erschienenen Gedichte kann direkt über die Autorin erworben werden: bremen62@email.de (siehe auch: https://poesie-des-augenblicks.de/veroffentlichungen/).

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