FREEDOM

Regina Schrott

freiheit
ich steh hier
zu deinen füßen
dein blick
mit wehmut
fokussiert
nach vorn gerichtet
unerschüttert
und doch
wissen du
und ich
wir wissen
wie schützenswert
wie zart du bist
im sturm der zeit
in freud und leid
in ewigkeit

du bist
das kostbarste
das wir errungen
und hätt doch
nie sollen sein
weil selbstverständlich
doch bist du‘ s nicht
so steh ich hier
zu deinen füßen
freiheit
freedom
und bin
zutiefst
erschüttert
und beglückt
denn frei
bin ich
ich bin
frei


Resonanz

Muss es in heutiger Lyrik eigentlich immer um sprachliche Komplexität gehen? Oder kann die Kraft eines Gedichts nicht auch aus dem Mut erwachsen, einen klaren Satz aufs Papier zu bringen, der sich gegen den Zynismus der Gegenwart behauptet?

Regina Schrotts FREEDOM gehört für mich zu jenen Gedichten, deren Stärke nicht aus ihrer formalen Komplexität, sondern aus ihrer berührenden Aufrichtigkeit entsteht. Es ist ein Text, der sich nicht hinter Ironie verbirgt, sondern den selten gewordenen Mut besitzt, von Dankbarkeit zu sprechen – und von Freiheit, als wäre sie tatsächlich ein Wunder.

Man könnte dieses Gedicht leicht unterschätzen. Es verzichtet auf große Bilder, auf kunstvolle Metaphern, auf formale Raffinesse. Und doch besitzt es etwas, das sich nicht herstellen lässt: den Augenblick wirklicher Ergriffenheit. Eine einzelne Person steht vor der Freiheitsstatue und begreift plötzlich, dass Freiheit keine abstrakte Idee ist, sondern ein Geschenk. Etwas, das den meisten von uns so selbstverständlich geworden ist, dass wir seinen Wert oft erst erkennen, wenn wir ihm als Symbol gegenüberstehen.

Heute, am 4. Juli, erhält dieses Gedicht eine zusätzliche Resonanz. Es erinnert daran, dass Freiheit nie endgültig errungen ist. Demokratien leben von ihr, doch sie bleiben auf Menschen angewiesen, die sie achten, schützen und immer wieder neu mit Leben füllen. In vielen Ländern erleben wir, wie politische und gesellschaftliche Polarisierung zunimmt, wie das Vertrauen in demokratische Institutionen schwindet und wie offene Debatten schwieriger werden. Gerade deshalb wirkt der schlichte Ausruf am Ende dieses Gedichts umso stärker.

frei / bin ich / ich bin / frei

Diese Zeilen klingen für mich nicht triumphierend. Sie klingen staunend. Und ist nicht dieses Staunen der Anfang jeder Freiheit? Nicht das laute Bekenntnis, sondern der stille Moment, in dem ein Mensch innehält und erkennt: Ich darf sprechen. Ich darf denken. Ich darf schreiben. Ich darf widersprechen. Ich darf hoffen.

Es gibt Augenblicke, in denen Dichtung nichts erklären muss. Sie muss nur erinnern. Dieses Gedicht erinnert daran, dass Freiheit kein Besitz ist. Sie ist eine Erfahrung. Und vielleicht auch eine Dankbarkeit, die es lohnt, ausgesprochen zu werden.

Stefan Plasa



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