Nicht wirklich da

Miriam Halfmann

Ich liege schon Stunden und ringe um Worte.
Ich weine, denk‘ nach und durchforste die Orte 

im Kopf, wo ich in letzter Zeit war –
mit Leuten gesprochen, gelacht und doch klar:
Eigentlich war ich nicht wirklich da. 

Du kannst nur da sein, wenn du gesehen wirst, 
doch kannst du das, wenn du im Dunkeln verirrst? 

Wenn du glaubst, du gehörst zu niemandem dazu, 
wenn jeder eigentlich nur will seine Ruh. 

Man fragt mich „Wie geht’s dir?“ und doch ist ganz klar:
Eigentlich bin ich hier nicht wirklich da.

Laut könnte ich schreien „Mir geht es nicht gut“,
doch erfordert das einen besonderen Mut.

Und ist es das wert, wenn es nicht interessiert? 
Im besten Fall ist jemand irritiert.

Lieber heimlich lügen – es wird schon werden, 
andern geht es schlechter, hab ja kaum Beschwerden.

Ganz selten kommt jemand, der dich im Hier spürt,
der sieht, wie du bist, und der dein Herz berührt.

Dann hoff‘ ich, es ist doch vielleicht manchmal wahr: 
Für einen Moment bin ich sichtbar, bin da.


Resonanz

Nicht jedes Gedicht muss die Sprache neu erfinden. Manchmal genügt es, wenn ein Text einem Menschen hilft, den nächsten Tag zu erreichen.

Miriam Halfmanns Nicht wirklich da ist ein solches Gedicht. Es sucht nicht nach kunstvollen Bildern oder formaler Vollendung. Es spricht in einer sehr direkten Sprache von einer Erfahrung, die viele kennen: dem Gefühl, anwesend zu sein und doch nicht gesehen zu werden, Antworten zu geben, obwohl längst keine Fragen mehr gestellt werden, zu funktionieren und sich dabei selbst zu verlieren.

Mich berührt dieser Text gerade deshalb. Er erinnert daran, dass Schreiben nicht immer sofort und zuerst Literatur ist. Oft ist Schreiben ein Versuch, sich selbst nicht zu verlieren. Ein Satz kann zu einer Haltestelle werden, ein Gedicht zu einem Ort, an dem etwas ausgesprochen werden darf, was im Alltag keinen Raum findet. Wer schreibt, ordnet nicht nur Wörter, sondern mehr noch das eigene Innere.

Dichtung beginnt beim Bedürfnis, einer Erfahrung – vor allem einer schwierigen – eine sprachliche Form zu geben, wenn die eigene Stimme im Alltag versagt. Ob daraus später ein Lied, ein Gedicht oder nur eine handschriftliche Seite in einem Notizbuch wird, ist zunächst zweitrangig. Entscheidend ist, dass Sprache zu einem Gegenüber werden kann.

Nicht wirklich da erzählt von der Sehnsucht, gesehen zu werden. Zugleich zeigt der Text etwas, das leicht übersehen wird: Schon das Schreiben selbst ist eine Form des Sichtbarwerdens. Vielleicht zunächst nur vor sich selbst. Aber manchmal ist genau das der erste und wichtigste Schritt.

Stefan Plasa



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