
in der stille | werden wir durstig sein: lyrische betrachtungen
Gedichte von Diana Jahr
Die Gegenwart verwechselt Aufmerksamkeit gern mit Bedeutung. Was laut ist, scheint wichtig. Was sich rasch verbreitet, gilt als gelungen. Auch die Literatur bleibt von dieser Logik nicht unberührt.
Dabei entstehen die nachhaltigsten Bücher oft anders. Sie drängen sich nicht in den Vordergrund. Sie warten. Auf Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf ihre Langsamkeit, ihre Zurückhaltung einzulassen.
Diana Jahrs Band in der stille | werden wir durstig sein (Schillo Verlag, 2025) ist eines dieser stillen Bücher. Schon der programmatische Auftakt macht deutlich, wohin die Reise geht:
trotz der klima-
erwärmung
wird es spürbar
kälter
auf der erde
zeit
für
gedichte
Das ist mehr als ein poetischer Einstieg. Es ist eine Standortbestimmung. Gedichte erscheinen hier nicht als Flucht vor der Wirklichkeit, sondern als Antwort auf eine Welt, deren Kälte nicht allein meteorologisch zu verstehen ist.
Die Texte sind von großer formaler Zurückhaltung. Diana Jahr vertraut der kleinen Form. Ihre Gedichte sind Miniaturen, oft nur wenige Zeilen lang. Und doch öffnen sie Räume, die weit über ihren Umfang hinausreichen. Sie arbeiten mit einer klaren, beinahe kargen Sprache, vermeiden jedes überflüssige Wort und setzen ihre Bilder mit bemerkenswerter Präzision. Natur, Mythos, Erinnerung und Alltag begegnen einander, ohne je aufdringlich symbolisch zu werden.
So heißt es in betreff: sad news: „die wege zwischen/leben und tod/sind unergründlich …“ Am Ende steht der schlichte englische Satz: „faith is gone“. Gerade diese sprachliche Reduktion entfaltet ihre Wirkung. Das Gedicht erklärt nichts. Es hält den Schmerz aus.
Oder bilder aus sand geweht: „ich suche wurzeln/im saharastaub … mich erden und fliegen/zugleich …“ Was zunächst wie eine poetische Naturbewegung erscheint, entwickelt sich zu einer existenziellen Suche nach Halt. Verwurzelung und Aufbruch schließen hier einander nicht aus. Sie werden zu zwei Seiten derselben menschlichen Erfahrung.
Immer wieder begegnet man in diesem Band einer Sprache, die den Leser beinahe behutsam an die Hand nimmt – und gerade dadurch die Brüche der Gegenwart deutlich hervortreten lässt. Unter der oft sanften Oberfläche liegen Zersetzungen, Gefährdungen und Verlusterfahrungen. Diese Gedichte schreien nicht. Sie folgen der alten Weisheit, dass leise Töne tiefer und länger nachhallen.
Besonders eindrucksvoll gelingt dies im Gedicht gegen den sturm. Schon die ersten Zeilen treffen den Ton unserer Zeit: „sind wir nicht alle/melancholisch in dieser zeit/da die zeichen auf sturm stehen“. Und dann folgt eine jener Wendungen, die lange im Gedächtnis bleiben: „strick ich dir keinen pulli/sondern einen vers/aus unkratzigen silben/(mit etwas mond)“. Dichtung lässt sich kaum schöner beschreiben. Es geht in ihr nicht primär darum, gegen die Welt ein Schutzschild aufzurichten, sondern um eine ‚Erwärmung‘, die im Geistig-Seelischen ruht, ohne dabei die Wirklichkeit verleugnen zu müssen.
Dass Diana Jahr zugleich mit großer sprachlicher Musikalität arbeitet, zeigt ein Gedicht wie leise laute. Hier werden Laut, Linie, Glocke, Stimme und Raum zu einer einzigen Klangbewegung. Man liest diese Zeilen nicht nur – man hört sie. Und die lyrische Stimme entfaltet sich hier als Sang, der den bedrohlichen totentanz der Welt draußen im ‚Eros‘ von Sprache, Schreiben, Sagen, Hören überwindet.
in der stille | werden wir durstig sein ist ein Buch für Leserinnen und Leser, die Gedichte (und literarische Texte allgemein) nicht nach ihrer Lautstärke beurteilen. Wer eine Lyrik sucht, die sich Zeit nimmt, die den Bildern vertraut, ohne sie zu überladen, und die das Fragile unserer Gegenwart in einer ebenso feinen wie präzisen Sprache sichtbar macht, wird in diesem Band viele Entdeckungen machen.
Diana Jahr: in der stille | werden wir durstig sein: lyrische betrachtungen. München: Schillo Verlag 2025 (Band I der Reihe „dicht an dicht“).
Zur Autorin
Diana Jahr, 1970 in Dortmund geboren, lebt mit ihrem Mann im Westerwald. Sie schreibt Lyrik und Kurzprosa, arbeitet als Lektorin und Herausgeberin und betreibt den Blog versspruenge.wordpress.com. Texte von ihr erschienen in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien. Im Schillo Verlag veröffentlichte sie die Gedichtbände „und nachts wandern die fledermäuse aus“ (2019) und „ein volvo voller orangen“ (2022). Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem 1. Platz Lyrik beim Kempener-Literaturwettbewerb (2019) und dem Sternenblick-Lyrikpreis (2023) ausgezeichnet.
Link zum Blog der Autorin: versspruenge.wordpress.com

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