Michael Eschmann – Entflohene Tage

Entflohene Tage

Für Aleksandra Pristin

Denke daran:
Tage entfliehen nicht
ebenso wenig die Stunden.

Beide sind nur woanders.
Und kehren irgendwann
in Träumen zurück.

Du wirst sie zunächst
vielleicht nicht erkennen,
jedoch auf Papier festhalten wollen.
Sie werden sich sträuben,
vielleicht werden sie Dich aber auch umarmen.

So wie Geschichten
manche Leser umarmen
immer fest und leidenschaftlich.

Was auch immer geschehen mag,
geschieht notwendig,
flüstern Philosophen.

Du aber blickst zum Garten hin,
spürst die Veränderungen
und lehrst das Staunen.


Resonanz

mo.rph ist Michael Eschmann für sein Gedicht Entflohene Tage ganz besonders dankbar, da es einer dieser kostbaren Texte ist, der seine Kraft nicht aus selbstgefälliger sprachlicher Kühnheit bezieht, sondern aus der Ruhe, mit der die Gedanken zu Ende gedacht und sprachlich geformt werden.

Schon der erste Satz stemmt sich gegen unsere alltägliche Erfahrung: Denke daran: / Tage entfliehen nicht / ebenso wenig die Stunden.

Das Vergehende ist hier nicht verloren. Es ist lediglich „woanders“. Mit dieser kleinen Verschiebung eröffnet das Gedicht einen Denkraum, in dem Zeit nicht verschwindet, sondern ihre Gestalt verändert. Was dem Leben entzogen scheint, kehrt zurück – zunächst in Träumen, später vielleicht auf dem Papier.

Diese doppelte Bewegung ist zutiefst berührend. Erinnerung erscheint nicht als möglichst genaue Rekonstruktion des Vergangenen. Sie wird zu einem schöpferischen Vorgang. Die Träume bewahren das Erlebte nicht unverändert auf; sie verwandeln es. Und erst aus dieser Verwandlung heraus entsteht Literatur.

Wenn es heißt, Du wirst sie zunächst / vielleicht nicht erkennen, / jedoch auf Papier festhalten wollen, dann beschreibt das Gedicht eine Erfahrung, die viele Schreibende kennen. Man schreibt nicht, weil man sich vollständig erinnert. Man schreibt, weil etwas wiederkehrt, das sich der Erinnerung zugleich entzieht. Das Schreiben wird zum tastenden Versuch, diesem Wiederkehrenden eine Form zu geben.

Von besonderer Schönheit ist dabei das Bild der Umarmung: Sie werden sich sträuben, / vielleicht werden sie Dich aber auch umarmen.

Nicht der Mensch hält die Erinnerung fest. Die Erinnerung begegnet ihm. Sie widersetzt sich, nähert sich an, entzieht sich erneut. Daraus entsteht eine Poetik, die auf Kontrolle verzichtet und stattdessen auf Aufmerksamkeit vertraut. Literatur erscheint nicht allein als Aneignung der Welt, sondern als Bereitschaft, sich von ihr berühren zu lassen.

Auch die folgenden Zeilen führen diesen Gedanken weiter: So wie Geschichten / manche Leser umarmen / immer fest und leidenschaftlich.

Hier liegt der eigentliche Kern des Gedichts. Erfahrungen werden erst dann zu Literatur, wenn sie ihre ausschließliche Bindung an die Biographie verlieren. Was ursprünglich einer einzelnen Person widerfahren ist, gewinnt im Gedicht eine Gestalt, die andere Menschen lesen, erinnern und empfinden können. Das Persönliche wird nicht ausgelöscht; es wird lesbar.

Bemerkenswert ist schließlich, wie Michael Eschmann den philosophischen Gedanken der Notwendigkeit nur kurz aufscheinen lässt – Was auch immer geschehen mag, / geschieht notwendig, / flüstern Philosophen. –, um ihn unmittelbar wieder an die sinnliche Wahrnehmung zurückzugeben: Du aber blickst zum Garten hin, / spürst die Veränderungen / und lehrst das Staunen. Nicht die Philosophen erhalten das letzte Wort, sondern der Blick in einen Garten. Nicht die Theorie, sondern das Staunen.

Entflohene Tage entfaltet in diesen Gedanken ganz leise eine Poetik des Erinnerns. Das Vergangene wird nicht bewahrt, indem wir es festschreiben. Es bleibt lebendig, indem es sich verwandeln darf. Erst in dieser Verwandlung entsteht jene Offenheit, die Literatur von Chroniken unterscheidet.

Manche Tage entfliehen tatsächlich nicht. Sie warten darauf, in einem Gedicht eine neue Zeit zu finden…

Stefan Plasa


Michael Eschmann, geboren 1958 in Mannheim. Er schreibt neben journalistischen Beiträgen über Literatur und Kunst auch Essays, Gedichte, Kurzgeschichten, Rezensionen und Theaterstücke. *** Veröffentlichungen in Blogs, Online-Magazinen und Literaturzeitschriften. *** Veröffentlichung des Dramas: Dantons Tod in Weiterstadt (2015). Gedichtbände: Tage kühl vom Regen umarmt (2024, Verlag Moloko Print), Zueignungen (2026, Verlag Neun Reiche). *** Er betreibt in Groß-Gerau ein Versandantiquariat.



Eine Antwort zu „Michael Eschmann – Entflohene Tage“

  1. das ist wirklich ein wunderschöner und tröstlicher gedanke, dass zeit nicht einfach vergeht, weggeht, entflieht, sondern sich vielmehr verändert, oder auch „woanders“ ist und somit nicht verloren. schön, dich hier zu lesen, mit so einem feinsinnigen und zugleich starken gedicht, lieber michael! lg, diana

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