im Schatten
im Schatten des alten Baumes
lernten wir das Flüstern
konnten das Ungesagte hören
ein Ast fand den andern
und wir erkannten uns
in den Wurzeln
fort gingen wir
berauscht vom Blättern
erst wenn die Stille uns wiederfindet
wächst unter unserem Blick
ein leiser Wald
Resonanz
Brigitte Barner empfängt in ihrem Gedicht im Schatten ihre Leserinnen und Leser nicht mit einem Bild, sondern mit einer Bewegung. Es beginnt mit einem Ort, gleichsam einem lyrischen topos in romantischer Tradition, an dem die Menschen eine tiefgreifende Transformation erfahren, geknüpft an ihr wichtigstes Instrument, die Stimme, und doch zugleich weit darüber hinausreichend: im Schatten des alten Baumes / lernten wir das Flüstern“.
Der Baum spendet hier nicht bloß Schatten. Er eröffnet einen Erfahrungsraum. Das Flüstern wird nicht gesprochen, sondern gelernt. Es ist eine Sprache, die leiser ist als Worte und gerade deshalb mehr wahrnimmt. Folgerichtig heißt es wenig später: konnten das Ungesagte hören. Diese Zeile markiert das Zentrum des Gedichts und hat geradezu programmatische Bedeutung für die lyrische Gattung insgesamt. Hören richtet sich nicht mehr allein auf den Klang, sondern mehr noch auf das, was ihm vorausgeht oder sich ihm entzieht. Das Ungesagte erhält eine eigene Gegenwart.
Von besonderer Schönheit ist dabei, wie sich Mensch und Natur unmerklich ineinander verschieben. Ein Ast findet den anderen, und unmittelbar darauf erkennen sich die Menschen in den Wurzeln. Nicht die Baumkrone, nicht das Sichtbare verbindet sie, sondern das, was unter der Erde verborgen bleibt. Die Wurzeln werden zu einem Bild jener Beziehungen, die sich unserer unmittelbaren Wahrnehmung entziehen und doch alles tragen.
Auch das Weitergehen ist bemerkenswert. Es geschieht nicht zielgerichtet, sondern berauscht vom Blättern. Das Wort spielt leise mit seiner Doppelbedeutung. Es sind die Blätter des Baumes – und zugleich klingt das Blättern eines Buches mit. Natur und Sprache berühren sich, ohne dass das Gedicht diese Verbindung eigens hervorheben müsste.
Am Ende vollzieht sich eine kaum wahrnehmbare Umkehrung. Nicht wir finden die Stille – erst wenn die Stille uns wiederfindet – die Stille erscheint als handelndes Gegenüber. Sie sucht den Menschen auf. Erst dann beginnt etwas zu wachsen: ein leiser Wald.
Es ist eines jener deutungsoffenen lyrischen Bilder, die lange nachhallen. Denn dieser Wald entsteht nicht außerhalb des Menschen. Er wächst unter unserem Blick. Wahrnehmung wird selbst zu einem schöpferischen Akt. Die Welt wird nicht beschrieben; sie antwortet.
Darin liegt die besondere Qualität dieses Gedichts. Es verzichtet auf große Gesten und vertraut stattdessen den leisen Verschiebungen zwischen Mensch und Natur, Sprache und Schweigen, Erinnerung und Gegenwart. Seine Bilder erklären sich nicht. Sie öffnen einen Raum, in dem das Lesen selbst zu einer Form des Hörens wird.
Der Wald wird hier zu einem Ort, an dem Worte nicht lauter werden müssen, um tiefer zu reichen.
Brigitte Barner, Jhg. 1960, lebt in Bremen und war viele Jahre Hörfunk-Reporterin und Kulturjournalistin beim NDR. Seit ihrem Ruhestand widmet sie sich vor allem dem Schreiben von Lyrik. Unter dem Titel „Poesie des Augenblicks“ schreibt sie über Naturbeobachtungen, gesellschaftsrelevante Themen und vor allem über ihre Sehnsucht nach Stille in einer immer lauter werdenden Welt. Mit ihren lyrischen Miniaturen möchte sie innere Bilder malen und Hoffnung stiften.

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