Diana Jahr – im vorbeigehen. moment

im vorbeigehen. moment

mal wege. der
zeit laufen wir
davon. sagst du
laue nächte sind rar
diesen sommer
sehen wir schräg
einfallen. den regen
begleiten die kinder
der kinder nicht mehr
meer und berge
eine symbiose
sind wir. wege
im moment nur worte
und lesende am rand
kaum sichtbar.


Resonanz

Gute Lyrik zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass sie sich oft erst beim zweiten oder dritten Lesen öffnet. Nicht weil sie dunkel wäre, sondern weil sie sich weigert, die Welt in eindeutige Zusammenhänge zu bringen. Diana Jahrs im vorbeigehen. moment gehört zu diesen seltenen Texten.

Schon die ersten Zeilen entziehen der Zeit ihre vermeintliche Geradlinigkeit: mal wege. der / zeit laufen wir / davon. sagst du. Wer läuft hier eigentlich wovon davon? Die Zeit vor uns? Wir vor der Zeit? Oder laufen beide längst ineinander? Das Gedicht beantwortet diese Fragen nicht. Es hält sie im lyrischen Schwebeakkord, in der feinen gedanklich-sprachlichen Rückung, aus der das Gedicht seine Kraft zieht.

Nichts bleibt hier für sich. Die lauen Nächte des Sommers, der schräg einfallende Regen, die Kinder der Kinder, Meer und Berge: Alles erscheint nur für einen Augenblick, bevor es sich bereits wieder mit etwas anderem verbindet. Die Bilder stehen nicht nebeneinander, sie gehen ineinander über. Das Gedicht folgt damit weniger einer Erzählung als einer Bewegung des Bewusstseins. Wahrnehmung, Erinnerung und Gegenwart lassen sich nicht mehr voneinander trennen.

Besonders berührt mich die Zeile: begleiten die kinder / der kinder nicht mehr. Sie sagt vermeintlich wenig – und doch so viel. Denn Zeit wird hier nicht erklärt, sondern erfahren. Zwischen zwei Zeilen öffnet sich ein ganzer Lebensbogen. Generationen ziehen vorüber, ohne dass das Gedicht ihnen nachtrauert. Es nimmt Abschied, ohne Abschied zu inszenieren.

Am Ende heißt es: meer und berge / eine symbiose / sind wir. Diese wenigen Worte verschieben den Blick noch einmal grundlegend. Mensch und Landschaft stehen sich nicht gegenüber. Sie gehören derselben Bewegung an. Das Ich löst sich nicht auf; es erweitert sich. Es findet sich nicht außerhalb der Welt, sondern in ihr.

Und schließlich diese letzten Zeilen: wege / im moment nur worte / und lesende am rand / kaum sichtbar. Das Gedicht zieht sich nicht zurück. Es vertraut den Leserinnen und Lesern etwas an. Wege werden zu Worten, Worte zu Wegen. Und die Lesenden stehen nicht im Mittelpunkt dieser Bewegung, sondern „am Rand“ – gerade dort, wo Literatur ihre eigentliche Arbeit beginnt. Nicht indem sie Wirklichkeit festschreibt, sondern indem sie sie für einen flüchtigen Augenblick anders sehen lässt.

Die besondere stille Schönheit dieses Gedichts liegt m.E. darin, dass es den Augenblick nicht festhalten möchte. Es weiß, dass jeder Versuch des Festhaltens den Moment bereits verändert. Stattdessen begleitet es das Vergehen mit einer Sprache, die selbst in Bewegung bleibt. So entsteht im Bild der Zeit zugleich eine Erfahrung von Zeit – leise, durchlässig und von einer Zärtlichkeit, die lange nach dem letzten Wort weiterwirkt.

Stefan Plasa


Diana Jahr, *1970, aufgewachsen in Dortmund, eine Tochter, verheiratet, lebt heute im Westerwald.
Sie ist Lyrikerin, Autorin und Herausgeberin mit eigenem Blog: https://versspruenge.wordpress.com/ Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (z.B. Federwelt, Wortschau, Dichtungsring) und Anthologien.
Diana Jahr gewann 2019 den 1. Platz Lyrik beim 7. Kempener-Literaturwettbewerb. Sie ist Gewinnerin des SternenBlick-Lyrikpreises 2023.
Zuletzt erschien ihr Lyrikband in der stille | werden wir durstig sein, lyrische betrachtungen im Schillo-Verlag 2025.



2 Antworten zu „Diana Jahr – im vorbeigehen. moment“

    1. Sehr, sehr gerne! Ein wunderschöner, stiller, komplexer Text.

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