Lyrik mit Bedienungsanleitung. Über Gedichte, Gefühle und die bedauerliche Eigenmächtigkeit des Lesers

Eine kleine poetologische Nachdenklichkeit – nach einem abgebrochenen Dialog zur Lesart einer Lyriksammlung

Es scheint mir, als habe sich in Teilen der sozialen Netzwerke eine neue literarische Gattung etabliert. Sie heißt weiterhin „Lyrik“, trägt den zusätzlichen Titel „Poesie“ und besteht aber nicht selten aus einer persönlichen Befindlichkeit, einigen Zeilenumbrüchen und der stillschweigenden Erwartung, dass die Leserschaft anschließend das „Richtige“ empfindet.

Das ist sehr praktisch. Früher musste ein Gedicht noch völlig allein zurechtkommen. Man schrieb es, setzte einen Punkt – oder, wenn man sehr modern war, keinen – und überließ den Text anschließend einem höchst unsicheren Schicksal: anderen Menschen. Diese lasen ihn.

Und nun begann das Unglück. Denn sie entdeckten möglicherweise etwas, das der Autor gar nicht hineingelegt hatte. Oder übersahen etwas, das ihm besonders wichtig gewesen war. Sie stellten Verbindungen her, verwarfen andere, fanden einen Vers großartig und die vom Autor mit erheblichem konstruktivem Aufwand errichtete formale Architektur womöglich weniger aufregend. Mit einem Wort: Sie lasen.

Inzwischen scheint man diesem Kontrollverlust entgegenwirken zu wollen. Manche Autorinnen und Autoren liefern zu ihren Texten vorsorglich gleich eine kleine Rezeptionsanweisung mit. Hier müsse man auf jene Verbindung achten, dort auf diesen Querverweis, dieses Motiv korrespondiere mit jenem, und überhaupt erschließe sich das Ganze erst, wenn man bitte freundlicherweise verstanden habe, was der Verfasser verstanden wissen möchte.

Ich halte das für eine interessante Entwicklung. Wie wär‘s mit einem QR-Code? Bitte scannen Sie vor Beginn der Lektüre die Intention des Autors. Eigenständige Sinnbildung kann zum Verlust der Gewährleistung führen.

Nun möchte ich niemandem die Freude an seinen Querverweisen nehmen. Auch Dichter dürfen spielen. Sie dürfen montieren, spiegeln, verschlüsseln, nummerieren, rückwärts verweisen und notfalls ein Sonett so konstruieren, dass bei Vollmond die Anfangsbuchstaben sämtlicher Verse den Namen der ersten Katze Hölderlins ergeben. Nur sollte man anschließend nicht beleidigt sein, wenn jemand sagt: sehr hübsch, aber die Sprache interessiert mich mehr. Das wäre nämlich möglicherweise sogar ein Kompliment. Denn Literatur besitzt im glücklichsten Fall etwas, das stärker ist als die Absicht ihres Verfassers: Sprache.

Sie erzeugt Beziehungen, die niemand geplant hat. Sie trägt Erinnerungen in sich, von denen ihr Autor nichts weiß. Sie trifft auf Erfahrungen, die er nicht kennt. Und sie verändert ihre Bedeutung mit jedem Menschen, der sie liest. Das ist keine Fehlfunktion des Gedichts. Das ist Literatur. Möglicherweise liegt hier überhaupt der entscheidende Unterschied zwischen Lyrik und dem derzeit recht verbreiteten poetischen Selbstausstellen, bei dem die ersehnte Aufmerksamkeit bereits für Resonanz gehalten wird.

Persönliches darf selbstverständlich in ein Gedicht. Schmerz darf hinein. Einsamkeit. Liebe. Begehren. Verlust. Wut. Eben dieses ganze unerfreuliche Sortiment menschlicher Existenz. Aber Lyrik (von mir aus auch gerne: Poesie) beginnt nicht automatisch dort, wo jemand sehr viel fühlt. Sie beginnt erst dort, wo das Gefühl Sprache geworden ist, und gerade deshalb nicht mehr ausschließlich seinem Urheber gehört.

Das ist der entscheidende und manchmal schmerzhafte Vorgang: Wer veröffentlicht, lässt los. Ein Gedicht ist nach seiner Veröffentlichung kein verlängertes Organ seines Autors mehr, dessen Unversehrtheit die Leserschaft zu gewährleisten hätte. Es tritt in fremde Köpfe ein. Dort darf es sich verändern. Es darf missverstanden werden. Es darf überraschend verstanden werden. Es darf geliebt werden aus Gründen, die seinem Autor vollkommen absurd erscheinen. Und es darf selbstverständlich auch für misslungen gehalten werden.

Wer nur jene Lesart gelten lässt, die der eigenen entspricht, sucht womöglich gar keine Leser. Er sucht Zeugen. Zeugen dafür, dass man „richtig“ gefühlt, „richtig“ gedacht, „richtig“ konstruiert und die entsprechenden Querverweise mit der gebotenen Raffinesse untergebracht hat. Das mag menschlich verständlich sein. Literarisch ist es etwas eng.

Denn Lesen ist kein Empfangsvorgang, bei dem eine vom Autor ordnungsgemäß versandte Bedeutung möglichst unbeschädigt beim Empfänger eintreffen soll. Lesen ist selbst ein schöpferischer Akt. Zwischen Text und Leser entsteht etwas Drittes, über das keiner von beiden vollständig verfügt. Man könnte es Sinn nennen. Oder, wenn einem das schon wieder zu groß klingt: Begegnung. Deshalb mein bescheidener Vorschlag an alle Schreibenden: Lasst eure Texte los. Wenn ihr wollt, dass sie gelesen werden, müsst ihr ertragen, dass andere Menschen mit ihnen etwas tun, das ihr nicht vorgesehen habt. Manchmal sogar etwas Klügeres.

Und falls euch dieser Gedanke vollkommen unerträglich erscheint, gibt es noch immer eine Textsorte, in der Anweisungen ausdrücklich erwünscht sind: das Kochrezept. Wobei selbst dort bekanntlich Menschen die Petersilie durch Koriander ersetzen (oder umgekehrt), die Garzeit ignorieren und anschließend dennoch behaupten, es habe hervorragend geschmeckt.

Es ist aussichtslos: Die Leser sind frei.

Dr. Plas[m]a
Institut für angewandte Unverfügbarkeit



2 Antworten zu „Lyrik mit Bedienungsanleitung. Über Gedichte, Gefühle und die bedauerliche Eigenmächtigkeit des Lesers“

  1. sehr schön, danke hierfür!

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  2. Avatar von wondrousba3d06ea3b
    wondrousba3d06ea3b

    „Lasst eure Texte los!‟ – ein löblicher Aus- und Aufruf, dem Eigenleben der Sprache zu trauen. Ich rufe mit.

    Mich oft auch ungläubig verheddernd in manchen Unsäglichkeiten „sozial-poetischer Netzspannung‟, tute ich gerne mal mit in das Horn hier mit etwas Betonung und Bebilderung aus dem eigenen Tun.

    Tuten ist nicht so dahin gesagt: Ich bediene mich selber zur „Enteignung‟ der Sprach-Sprache und zu ihrer tastenden Wiederaneignung gerade auch der musikalischen. Der lasse ich inzwischen eigentlich immer den Vortritt. Sie bildet sich aber recht verlässlich dann auch einen Text ein, reizt zum Hin-Ein-Klang von sprachlichen Rhythmen, Worten, Tonfällen, Sinn- und Unsinnsträgern.

    Ich lasse sozusagen schreiben. Fülle Rhythmen und Melodielinien nach deren Maßgaben mit Wort-Gespielen und dränge so praktisch und programmatisch das ICH und sein Befinden auf die hinteren Plätze. Die Musik ist collagenhaft ers(p)onnen, frei, nach Kenntnissen und Vorlieben, assoziiert und programmiert. ICH meldet sich von hinten gleichwohl. Doch ich führe es gerne zwischen die Zeilen, damit es dort stolpert und horcht, was eventuell über den Mitteilungs“wert“ hinaus an Tönung, Stimmung, „Vibe“, Sinn, Unsinn… durchscheint – und damit es daraufhin, bitt‘ schön, weit gehend die Klappe hält und Raum schafft für die „eigenmächtigen‟ Resonanzen…

    Bekenntnisse, Botschaften … gar Mitteilungsdrang – eher also nicht. Gestaltungswille schon. Sprachspielerisch, selbstreferentiell und selbstironisch, verrätselt und verrätselnd. Geleitet, verleitet von Assoziationen, Assonanzen, Dissonanzen etc. Absichtlichen Sinn möglichst austreibend und möglichst weit weg von Gestus, Pose, Aufblähung … Pathetisch – doch, doch – aber bitte lakonisch. Ich traue meiner Sprache dabei so etwas wie Selbsterkenntnis, gar Selbstironie zu und klopfe und kitzele sie dazu ab.

    Zusammen geb‘ ich Musik samt Text schließlich ‟anheim und ­– verloren“.

    Lasse sie zurück wie der Maler sein Bild als Einladung zum Spazierengehen in den jeweils eigenen Assoziationen. Ab da halt‘ ich mich dann aber wirklich raus und erinnere mich bald schon nur mehr unter Mühen dem kürzlich Vollbrachten, denn eine nächste Umvollendete überlagert es meist längst.

    Das Ganze also schließlich gerne widersprüchlich-paradox, hermetisch gar. Natürlich immer doch auch etwas widerspiegelnd, was den Urheber aus- und anmachte, so Belustigung, so Ernüchterung (besoffen-nüchtern geradezu ) so hoffender Unglaube.

    Lange nicht gehörte Stücke und Worte resonnieren oft fast fremd, anders oder gar nicht mehr. Die Eigenmächtigkeit des Lesers zeitläuft selbst neben dem Autor und überholt.

    Traumhaftes überlasse ich gerne dem Schlaf und mich danach erneut der Vergesslichkeit. Das Betrachten im Moment wacher Momente verlangt eher Abstraktion von Seherei, von Phantasie oder ‚horribile dictu‘ – Fänntesie, von Identi-, selbst Kreativi-täterschaft.

    Ein Gedicht ist, denk‘ ich, keine Kinokarte, Lyrik nicht Klagemauer, nicht Verschönerungsverein, kein Fun- oder Leidens-Entertainment – mehr so hart konturierte, schraffierte Kritzelskizze, hingeworfen, in und von einer Realität, meist „cold and lonesome‟.

    • Poetologisches Credo (ja, der Ungläubige glaubt) mal so ins Unreine:

    Basteln wie‘s passt und belebt, Kochen, nach eigenem Gusto, was da und was dran ist!

    Sich wundern, sich freuen, sich nicht wundern.

    • Poetologisches Credo samt Nachdenklichkeit:

    Tunlichst tätig beim Tun im Lassen.

    Manieren ja, Beflissenheiten, nein.

    Selbstreflektiv und selbstreferentiell gerne.

    Offener Sinne selbstverloren auch – im Fundland.

    Die Eigenmächtigkeit der inzwischen ja wohl ununterbrochen „Lesenden‟ braucht ja Stoff, rezeptfrei.
    Stefan Plasa hat ja so recht! Daher, leicht anders gleich:
    „Lasst eure Texte ziehen!‟

    Michael Bernal Copano,

    der noch nie über zwei Seiten „poetologisch‟ sich gab.
    Die Pro-Vokation ruft‘s hervor, Dank an Mo.rph/Stefan Plasa!

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