Über Notizbücher, einen Schwammpilz und die verspätete Rückkehr einer Stimme
Es gibt Dinge, die ich nicht sagen kann.
Das ist zunächst einmal eine etwas ungünstige Voraussetzung für jemanden, der einen erheblichen Teil seines Lebens mit Sprache verbringt. Aber so ist es nun einmal: Es gibt heftige Gefühle, für die mir die Wörter fehlen. Erinnerungen, die sich entziehen, sobald ich nach ihnen greife. Innere Bilder, die beim Versuch, sie ordentlich zu erklären, augenblicklich etwas anderes werden. Und manchmal gibt es etwas, von dem ich überhaupt erst erfahre, dass es in mir existiert, nachdem ich es aufgeschrieben habe. Es ist möglich, dass (mein) Schreiben genau dort beginnt. Nicht so sehr beim Mitteilen, sondern vielleicht mehr beim Herausfinden.
Das Notizbuch ist für mich deshalb kein Behälter für bereits Gedachtes. Schreiben ist Denken. Im Vorgang des Schreibens geschieht etwas, das ich nur zum Teil steuere. Ich beginne einen Satz in der Annahme, ungefähr zu wissen, wohin er möchte, und muss wenig später feststellen, dass die Sprache andere Reisepläne hatte. Das kann irritierend sein. Es ist aber einer der wesentlichen Gründe, weshalb ich der Sprache vertraue.
Als junger Mensch schrieb ich bereits viel Lyrik. Einige Texte erschienen in Anthologien, andere in Zeitschriften. Es gab Einladungen und Wettbewerbe. So ist das noch heute: Man liebt junge Stimmen. Sie sind neu. Und das ist sehr praktisch, denn niemand muss zunächst prüfen, ob sie auch etwas zu sagen haben. Die Jugend selbst übernimmt vorübergehend einen Teil der Öffentlichkeitsarbeit.
Irgendwann begann ich Literaturwissenschaft zu studieren und entdeckte eine andere aufregende Möglichkeit: über Literatur zu schreiben. Das hat einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Man kann sich für einige Seiten einem bedeutenden Autor überlegen fühlen. Der Autor hat beispielsweise ein Gedicht geschrieben. Man selbst hingegen weiß, was es bedeutet. Ein bemerkenswerter Karrieresprung. Ich schrieb also über Literatur, interpretierte sie, analysierte sie, lehrte sie. Und irgendwann bemerkte ich nicht einmal mehr, dass eine andere Stimme verstummt war. Fast fünfundzwanzig Jahre lang schrieb ich keine Lyrik. Ich war ein fleißiger Bewohner unseres Erdzeitalters des SEKUNDÄR. Schreiben über. Reden über. Einordnen. Bewerten. Gelegentlich entwerten. Wir bauen gewaltige Gebäude aus Sprache über anderen Gebäuden aus Sprache und hoffen vermutlich, dass irgendwo im Obergeschoss ein Fahrschein zur Erkenntnis ausgegeben wird. Ich möchte diese Jahre nicht missen. Sie haben mich geprägt. Die Literatur anderer wurde Teil meines eigenen Denkens und Hörens. Aber meine eigene poetische Stimme hörte ich nicht mehr.
Dann geschah etwas sehr Schlimmes und unterbrach mein Leben, das bis dahin einigermaßen geordnet und störfrei verlaufen war. „Unterbrach“ ist beinahe zu höflich. Es brachte dieses Leben an einen Punkt, an dem ich nicht wusste, wie und ob es in seiner bisherigen Gestalt weitergehen konnte.
Und plötzlich schrieb ich wieder. Nicht weil ich beschlossen hatte, nun erneut Lyriker zu werden. Es gab keinen Fünfjahresplan. Keine poetologische Strategie. Keine Zielgruppenanalyse. Ich schrieb einfach nur, weil ich schreiben musste. Um nicht wahnsinnig zu werden. Um atmen zu können. Ich füllte für einige Jahre fünf bis sechs Notizbücher pro Jahr. Morgens, bevor ich ins Büro fuhr. Abends, bevor ich schlafen ging. In Kaffee- und Mittagspausen. In der Bahn. Auf der Parkbank. Im Bistro. Ich schrieb gegen Einsamkeit. Gegen Schmerz. Gegen Trauer. Gegen Erschöpfung. Und irgendwann geschah eine kleine, für mich entscheidende Verschiebung: Ich wollte nicht mehr dagegen schreiben. Ich wollte damit schreiben. Mit der Trauer. Mit dem Verlust. Mit der Erinnerung. Mit dem, was sich nicht auflösen ließ.
Aus einem Überlebensvorgang konnte jetzt wieder Literatur werden.Der Schmerz musste nicht verschwinden, damit Sprache entstand. Er durfte Material werden. Nicht im zynischen Sinne einer ästhetischen Verwertung des eigenen Unglücks. Eher als Verwandlung: Etwas, das mich zunächst sprachlos machte, begann eine Sprache hervorzubringen, die vorher nicht existiert hatte.
Nach einiger Zeit kursierten erste Texte im privaten Umfeld. Eine befreundete Theaterkünstlerin sagte zu mir: Du bist jetzt Autor. Weil du schreiben musst. Weil Schreiben für dich wie Atmen ist. Eine andere Freundin fühlte sich an den jungen Rilke erinnert, als er noch ‚zart‘ war. Das ist selbstverständlich ein gefährlicher Moment. Man sollte nach einem solchen Satz für mindestens vierzehn Tage sämtliche Schreibgeräte unter Verschluss nehmen. Ich tat das Gegenteil. Ich las. Ich las Lyrik der Weltliteratur und deutschsprachige Lyrik mit einem Hunger, der inzwischen leicht pathologische Züge angenommen hatte. Eliot, Celan, Bachmann, Sachs, Rilke, Seferis und viele andere; Stimmen, Formen, Rhythmen, Möglichkeiten. Ich sog sie auf wie ein nimmersatter Schwammpilz, der sich durch das Totholz des Waldes frisst. Ein Vergleich, den Rilke vermutlich nicht gewählt hätte. Umso besser.
Denn irgendwann begriff ich: Ich wollte nicht schreiben wie. Ich wollte schreiben. Und das ist etwas anderes. Es dauerte Jahre, bis ich das Gefühl hatte, dass aus all diesen Einflüssen, Erfahrungen, Verlusten, Lektüren und Versuchen etwas hervorgegangen war, das ich meine eigene lyrische Stimme nennen konnte. Und merkwürdigerweise musste ich dieser eigenen Stimme erst eine Maske geben. mo.rph. Ein Rest von Orpheus steckt darin. Der Mond vielleicht. Die Morphologie, die Verwandlung. Und eine Einsamkeit, die nicht dadurch verschwindet, dass man sie bewundert, poetisch beleuchtet oder mit ausreichend Mythologie versieht. Unter dieser Maske konnte eine Stimme sprechen, die leiser war als meine öffentliche. Zurückhaltender. Zaghafter vielleicht. Verletzlicher. Eine Stimme im Hier und Jetzt, die aus Literatur ebenso gewachsen ist wie aus Erfahrung, Leben, Leiden und Hoffnung. Die Maske verbarg mich nicht. Sie erlaubte mir, genauer zu sprechen.
Und damit komme ich zu etwas, das mir inzwischen wichtig geworden ist. Schreiben beginnt für mich nicht mit Aufmerksamkeit. Natürlich wünschen sich Autoren Leser. Natürlich möchte auch ich, dass meine Texte gelesen werden. Wer anderes behauptet und gleichzeitig veröffentlicht, betreibt vermutlich eine besonders avancierte Form der Askese. Der Wunsch, gelesen zu werden, kommt später. Am Anfang steht etwas anderes: Achtsamkeit. Zunächst gegenüber sich selbst. Das mag egoistisch klingen. Aber Schreiben ist in diesem frühen Zustand tatsächlich eine ziemlich ungesellige Angelegenheit. Wenn ich in ein Notizbuch schreibe, denke ich nicht an einen Leser. Ich denke häufig nicht einmal besonders erfolgreich an mich selbst. Ich versuche vielmehr, etwas zu hören. Eine Formulierung. Einen Rhythmus. Eine Erinnerung. Eine Bewegung unterhalb dessen, was ich bereits über mich weiß. Das Schreiben ist dann eine andersförmige Versprachlichung von Gedanken, inneren Bildern, Gefühlen, komplexen und manchmal widersprüchlichen Emotionen. Wilder als der spätere Text. Unordentlicher. Ursprünglicher. Es mag dem Versuch ähneln, einen Traum aufzuschreiben, bevor man überhaupt vollständig erwacht und bei Bewusstsein ist. Man weiß, dass etwas da war. Man weiß nur noch nicht genau, was. Und damit es nicht verschwindet, schreibt man und schreibt, so schnell man kann, aber nie schnell genug – man holt die vielen eigenen und fremden Gedanken, Gefühle, Erinnerungen usw. nie wirklich ein.
Und der Leser? Der kommt später. Wenn aus Aufzeichnungen Texte werden. Wenn ausgewählt, verworfen, gekürzt, komponiert wird. Wenn ein Gedicht neben einem anderen steht und plötzlich etwas mit ihm tut. Wenn aus einzelnen Texten ein Buch entsteht. Dann muss auch der Autor die Seiten wechseln. Er muss Leser seiner eigenen Sprache werden. Das ist vermutlich eine der schwierigsten Verwandlungen im Schreiben: Man muss vergessen können, was man sagen wollte, und ansehen, was tatsächlich dasteht. Auch dafür braucht man eine Persona. Der Schreibende tritt zurück. Der Leser kommt herein. Und irgendwann kommt der wirkliche Leser. Dann geschieht etwas, das Autoren bisweilen nur schwer ertragen: Der Text gehört ihnen nicht mehr allein. Ein künftiger Leser muss nicht wissen, was ich erlebt habe. Er muss meine biographischen Chiffren nicht entschlüsseln. Er muss nicht dasselbe empfinden wie ich. Er darf einen Satz mit einer eigenen Erinnerung verbinden, ein Bild anders sehen, eine Leerstelle anders füllen. Dadurch werden Texte, ganz besonders in der Gattung Lyrik, erst „vollständig“ und lebendig.
Ich schreibe also zunächst, um etwas in Sprache zu verwandeln, das ich anders nicht festhalten kann. Und veröffentliche später in dem Wissen, dass es mir wieder entgleiten wird. Das scheint widersprüchlich. Ist es sicher auch. Aber vielleicht ist genau das der Vorgang: Etwas entgleitet mir. Ich schreibe es auf. Es wird Sprache. Ich lasse es los. Jemand anderes liest es. Und plötzlich ist etwas da, das weder ganz mir noch ganz dem Leser gehört. Ein Gedicht vielleicht. Oder, etwas bescheidener: ein paar Wörter, die für einen Augenblick atmen.
Warum also schreiben? Vielleicht einfach nur, um sein zu können. Und um das, was gewesen ist, nicht festzuhalten – sondern verwandelt weitergehen zu lassen.
Stefan Plasa

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