Über die Produktivität des Herumliegens und andere Formen literarischer Arbeit
Es gibt Tage, an denen ich schreiben muss. Und dann gibt es Tage, an denen ich schreiben muss und dennoch nicht schreibe.
Heute ist Sonntag. Niemand möchte etwas von mir. Keine Mail verlangt eine Antwort, jedenfalls keine, die nicht bis Montag warten könnte. Kein Text muss fertig werden. Keine Sitzung droht mit Tagesordnung. Die Welt hat mir, soweit ich das überblicke, für einige Stunden freigegeben. Beste Voraussetzungen also.
Ich koche Kaffee. Dann liege ich ein bisschen herum. Ich lese. Dann werde ich vom Lesen müde und liege, nun allerdings literarisch begründet, weiter herum. Später schlafe ich kurz ein. Man nennt das inzwischen Napping, damit es nicht nach dem aussieht, was es ist: schlafen am Tag. Das Englische hat schon manchen Zustand vor der moralischen Bewertung gerettet. Danach wieder Kaffee (okay, manchmal auch einen grünen Tee, den ganz feinen japanischen, der frisch gekauft nach Gras duftet – aber nur, wenn doch noch geschrieben wird).
So oder so: Man könnte jetzt schreiben. Man könnte auch kurz nachsehen, was auf dem Smartphone passiert ist, während man geschlafen hat. Erstaunlich viel. Menschen haben gegessen, demonstriert, geheiratet, Bücher veröffentlicht, Katzen gefilmt und Meinungen entwickelt. Manche sogar mehrere. Die Welt ist ohne meine Aufsicht erstaunlich vollständig geblieben.
Ich daddle. Dann lese ich wieder. Denn Lesen geht immer. Vielleicht ist das überhaupt das Gemeine am Schreiben: Man braucht hundert Gedichte, um eines schreiben zu können. Und dieses eine Gedicht braucht anschließend hundert Leser, von denen sieben bis zum Ende kommen, drei es mögen und einer schreibt: Schön. Dafür also die hundert Gedichte.
Ich kenne diese Tage gut. Früher hielt ich sie für verlorene Tage. Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Wer täglich schreibt oder wenigstens täglich in Sprache lebt, entwickelt irgendwann eine etwas ungesunde Vorstellung von innerer Produktion. Als befände sich hinter der Stirn eine kleine Manufaktur, in der morgens das Licht eingeschaltet wird und anschließend Bedeutung hergestellt werden kann.
Abteilung Bildfindung, bitte beginnen! Metaphern laufen bereits. Enjambement hat sich krankgemeldet. Der innere Prophet verspätet sich wieder. Und der Literaturwissenschaftler sitzt seit sieben Uhr am Schreibtisch und hat schlechte Laune.
Nur das Gedicht fehlt. Es gibt dafür vermutlich Gründe. Müdigkeit zum Beispiel. Manchmal auch Traurigkeit. Gerade ist ein Freund schwer erkrankt. Seit ich davon weiß, liegt dieses Wissen irgendwo mit im Zimmer. Es spricht nicht ständig. Es muss das auch nicht. Manche Nachrichten besitzen die unangenehme Fähigkeit, still zu sein und trotzdem Platz zu beanspruchen.
Man liest dann einen Satz und merkt drei Seiten später, dass man noch immer an einem anderen sitzt. Man möchte schreiben. Aber das Schreiben möchte gerade nicht zurück. Vielleicht liegt der Fehler schon in diesem möchte. Als sei Schreiben eine Verabredung, zu der einer von beiden unhöflicherweise nicht erscheint.
Dabei habe ich längst gelernt, dass Gedichte selten dann kommen, wenn man ihnen einen freien Nachmittag angeboten hat. Sie sind in dieser Hinsicht ausgesprochen undankbar. Sie erscheinen im Zug, unter der Dusche, während einer Sitzung, nachts um halb zwei oder genau dann, wenn man gerade keine Hand frei hat.
Sonntags zwischen Kaffee und Sofa dagegen: nichts. Das Nichts sitzt ausgezeichnet. Es benötigt wenig Platz und keinerlei Betreuung. Gelegentlich sieht es mich an. Ich sehe zurück. Wir kommen gut miteinander aus.
Und vielleicht geschieht währenddessen doch etwas. Ein Wort aus dem Gedicht, das ich gelesen habe, bleibt irgendwo hängen. Nicht einmal ein besonderes Wort. Ein Rhythmus vielleicht. Eine Wendung. Eine Stelle, an der jemand etwas nicht gesagt hat. Später kommt ein anderes hinzu.
Lesen ist ja keine Tankstelle für Literatur. Ich lese nicht Celan, Bachmann, Sachs, Eliot oder irgendeinen Menschen der Gegenwart, um anschließend ein bisschen Super Plus in den eigenen Text zu kippen. Ich lese, weil Sprache Sprache braucht. Weil ein Gedicht, bevor es geschrieben wird, vielleicht lange unter anderen Gedichten gelegen haben muss. Hundert Gedichte lesen, um eines schreiben zu können. Und dann eines schreiben, damit es irgendwann unter den hundert Gedichten eines anderen liegt. Das wäre schon ziemlich viel.
Vielleicht ist das Schreiben dem Atmen tatsächlich näher, als mir lieb ist. Nicht weil beides lebensnotwendig wäre. Man sollte mit solchen Behauptungen vorsichtig sein. Sauerstoff hat gegenüber Lyrik eine deutlich bessere Studienlage. Aber weil niemand nur ausatmen kann. Wer immerzu hervorbringt, hat irgendwann nichts mehr in sich als die Anstrengung des Hervorbringens.
Also lesen. Einatmen. Kaffee. Dösen. Noch einmal lesen. Ein Gedicht, das nichts mit mir zu tun hat. Noch eines. Daddeln. Sich darüber ärgern. Weiterdaddeln. Das Smartphone weglegen wie einen Gegenstand, der einen persönlich enttäuscht hat. Aus dem Fenster schauen. Nichts denken. Feststellen, dass auch das nicht gelungen ist. Vielleicht schlafen.
Und die Traurigkeit? Die muss nicht verwertet werden. Das ist vielleicht das Wichtigste. Nicht alles, was einen trifft, schuldet einem einen Text. Ein kranker Freund ist kein Material. Angst ist kein Rohstoff. Schmerz muss nicht produktiv werden, damit er seine Berechtigung erhält.
Vielleicht kommt irgendwann ein Satz. Vielleicht auch nicht. Vielleicht besteht die Aufgabe für diesen Sonntag gerade darin, einen Menschen im Herzen zu behalten und kein Gedicht daraus zu machen. Auch Sprache darf einmal daneben sitzen. Still. Später werde ich vermutlich wieder lesen. Vielleicht hundert Gedichte. Das ist natürlich übertrieben. Neunundachtzig reichen auch. Und möglicherweise steht irgendwann, während ich gar nicht mehr darauf warte, ein Wort im Raum. Ein zweites stellt sich dazu. Sie kennen einander nicht. Das ist günstig. Dann vielleicht ein Satz. Man sollte ihn nicht erschrecken. Kein Licht anmachen. Nicht sofort fragen, was er bedeutet. Erst einmal schauen, ob er bleibt. Und wenn nicht: auch gut. Morgen ist Montag. Da wird wieder gearbeitet. Vielleicht sogar am Nichtschreiben. Denn manchmal, glaube ich, braucht die Sprache nichts von uns.
Sie braucht nur einen Menschen, der eine Weile still genug ist, damit sie wieder Lust bekommt, etwas zu sagen.
Euer Stefan Plasa

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